Was Kim als Mensch ausmacht, das interessiert ihre Mutter nicht. Nur die Leistungen, von denen ihre Mutter profitiert, werden gelobt. Das Verhältnis ist ungesund, aber das ist Kim lange nicht klar. Wie die fehlende Bestätigung ihre Entwicklung geprägt hat.

Die Erwartungen unserer Eltern erfüllen zu wollen, ist ganz normal, sagt Psychotherapeutin Anna van Keßel. Und es hat einen wichtigen Grund: Es hilft Kindern zu überleben, erklärt die Psychologin.

Kinder, vor allem, wenn sie noch klein sind, sind maximal abhängig von den Eltern. Je besser sie sich an deren Vorstellungen anpassen können, desto bessere Entwicklungsmöglichkeiten bekommen sie – zumindest in der Theorie. Die Ursache dafür: Je zufriedener und glücklicher die Eltern sind, desto mehr Ressourcen erhalten die Kinder. Also beispielsweise mehr Nahrung, mehr Nähe oder mehr Schutz.

"Erleben wir das, dass wir als Mensch wichtig sind oder nur unsere Leistung?"
Anna van Keßel, Psychotherapeutin

Was in der Theorie so schlüssig klingt, funktioniert für Kim nicht. Heute ist sie überzeugt davon, dass das Verhalten ihrer Mutter narzisstische Tendenzen zeigt. Das äußert sich in der Regel dadurch, dass eine Person ein überhöhtes Selbstwertgefühl und ein großes Bedürfnis nach Bewunderung hat und manipulatives Verhalten nutzt.

Meist fehlt es narzisstischen Menschen an Empathie anderen gegenüber. Oft sind sie nicht bereit Kritik anzunehmen. Kim ist es allerdings lange Zeit nicht bewusst, dass wohl solch eine unausgewogene und ungesunde Beziehung zwischen ihr und einem der wichtigsten Menschen in ihrem Leben besteht.

Wenn der wichtigste Mensch in deinem Leben dich nicht wertschätzt

Kim wird von ihrer Mutter nicht wertgeschätzt, als der Mensch, der sie ist. Die Zuneigung, die sie erhält, ist nicht bedingungslos. Wenn sie Bestätigung bekommt, dann für Leistungen, die für ihre Mutter von Vorteil sind. Anderenfalls erfährt sie kein Lob. Sie hat das Gefühl, in den Augen ihrer Mutter nie genug zu sein. Dadurch wird sie zum Overachiever, sagt Kim. Also wird sie zu jemandem, der ständig überdurchschnittliche Leistung abliefert oder auch über die eigenen Grenzen geht, um Dinge zu erreichen.

"Was dann entsteht, ist, dass man ein kompletter Overachiever wird, damit man gut genug ist für diesen einen Menschen, der leider Gottes der wichtigste Mensch der Welt ist. Aber man ist halt nie gut genug."
Kim, erfährt keine Wertschätzung durch ihre Mutter

Wenn Leistungen von Eltern nie gewürdigt werden, kann das die Persönlichkeitsentwicklung negativ beeinflussen. Kim weiß heute, dass sie immer der Bestätigung durch ihre Mutter hinterhergejagt ist und das ihr Selbstwertgefühl darunter gelitten hat. Sie habe sich fast verloren, sagt Kim, und dass sie keine Träume mehr hatte.

"Ich habe mich fast selbst verloren. Und ja, in dem Fall hatte ich tatsächlich keine eigenen Träume mehr."
Kim, ist heute in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Eltern, die narzisstische Tendenzen haben

Positiv bewertet Kim heute, dass sie erkannt hat, dass ungesunde Muster in der Beziehung zu ihrer Mutter vorherrschen. Denn manche, davon ist sie überzeugt, stellen vielleicht ihr ganzes Leben lang nicht fest, wie sehr ihnen die Beziehung zu den Eltern schadet.

Dadurch, dass sie das Problem erkannt hat, war Kim in der Lage, daran zu arbeiten: Sie ist inzwischen Teil einer Selbsthilfegruppe von Menschen mit narzisstisch veranlagten Elternteilen. Dort erfährt sie die Bestätigung und bekommt das Lob, das ihr in der Kindheit dauerhaft verwehrt geblieben ist.

Wenn es ein Du-Problem ist

Wichtig sei zu erkennen, dass das Problem möglicherweise nicht bei einem selbst, also dem Kind liegt, sondern, dass die Schwierigkeiten auch bei den Eltern liegen können, sagt Anna van Keßel. Die eigenen Eltern bleiben zwar immer die eigenen Eltern, aber wir können lernen zu sehen, dass sie eben auch Fehler machen, rät die Psychotherapeutin.

"Wir können das ein bisschen in Relation setzen, wenn wir das vielleicht auch eher als Du-Problem sehen, dass vielleicht unsere Eltern auch keine perfekten Eltern sind."
Anna van Keßel, Psychotherapeutin

Selbst wenn uns unserer Eltern Lob und Anerkennung vorenthalten, können wir dies in manchen Fällen auch von anderen Menschen bekommen, etwa von einer Tante, einem Lehrer oder einer Mentorin. Für Kim ist es nun die Selbsthilfegruppe mit Menschen, die ähnlich aufgewachsen sind, wie sie selbst, die ihr den Rücken stärken.

Shownotes
Lob und Anerkennung
Wenn die Bestätigung der Eltern ausbleibt
vom 25. Februar 2026
Moderation: 
Nik Potthoff
Autor: 
Felix Feldmann, Deutschlandfunk Nova