Rund 2000 Beschäftigte an sechs Unikliniken streiken laut der Gewerkschaft Verdi in der neunten Woche für bessere Arbeitsbedingungen. Die bedeuten für sie: Mehr Personal, damit die Arbeitslast nicht in einem Burn-out endet. Ein höheres Gehalt fordern sie nicht. Lisa Schlagheck ist Pflegekraft am Uniklinikum Münster und erklärt, was sich ihrer Meinung nach ändern muss.

Kaum Pausen, lange Dienste auf unterbesetzten Stationen: Das ist für die Beschäftigten in vielen Krankenhäusern Alltag. In den Unikliniken in Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf, Essen und Münster streiken deshalb die Beschäftigten – mittlerweile seit über zwei Monaten.

Darüber, was die hohe Arbeitsbelastung für die Beschäftigten bedeutet, was sie fordern und was sie zur Kritik hinsichtlich des Streiks sagen, hat Deutschlandfunk-Nova-Moderator Christoph Sterz mit Pflegekraft Lisa Schlagheck vom Uniklinikum Münster gesprochen.

"Ich möchte nicht mehr diesen moralischen und psychischen Druck spüren müssen"

Christoph Sterz: Lisa, um mehr Geld geht es euch bei diesem Streik nicht. Warum streikst du?

Lisa Schlagheck: Ich streike, weil ich der Meinung bin, dass sich die kritischen Zustände, die jeden Tag erlebe, verbessern müssen. Ich möchte eine gute Patient*innen-Versorgung erreichen und brauche dafür mehr Personal, um das zu leisten. Ich möchte nicht mehr diesen moralischen und psychischen Druck spüren müssen, zu wissen, dass ich nicht das leisten kann, was eigentlich geleistet werden muss.

Du sprichst von kritischen Zuständen. Was meinst du damit genau?

Ich arbeite in Münster in einer Notaufnahme. Dort versorgen wir auf über zwei Etagen schwerstverletzte Patient*innen. Und ich bin im Nachtdienst regelmäßig alleine eingeplant. Ich gehe in jeden Dienst mit einem Gefühl der Angst rein, weil ich Angst vor der Situation habe, die mich treffen könnte.

Wir haben teilweise unplanbar viele Patient*innen zu versorgen. Eigentlich priorisiert man Tag und Nacht und hofft, dass kein Notfall auftaucht, den man nicht alleine bewältigen kann. Das ist leider viel zu häufig so.

Meine Kollegin hat letztens in der Nacht vier schwerstverbrannte Patient*innen nach einem Autounfall zugewiesen bekommen. Das sind maximal verletzte Patienten. Sie alleine zu betreuen geht nicht. Das ist aber die Situation, mit der wir uns immer wieder konfrontiert sehen. In ganz vielen anderen Bereichen der Krankenhäuser kommt es zu vergleichbaren Situationen.

Es gibt viele Menschen, die Verständnis für den Streik zeigen. Andererseits sagen sie auch, es sei nicht vertretbar, dass wegen des Streiks ganze Stationen geschlossen sind, dass wichtige OPs ausfallen, dass auch diese Situation zum Teil lebensgefährdend sei. Wie stehst du zu dieser Kritik?

Letzten Endes ist ein Bitten um Verbesserung nur ein Betteln, wenn man nicht Druck aufbauen kann. Deswegen ist der Streik meiner Ansicht nach ein Muss. Wir streiken, weil wir diese tägliche Patientenwohlgefährdung nicht mehr wollen – die wir jeden Tag schon ganz ohne Streik sehen.

Unsere Meldungen und unsere Gefährdungsanzeigen werden nicht gehört, es wird nichts verbessert. Die Politik schaut nur zu und handelt nicht. Wir sehen uns gezwungen, jetzt nach diesem Mittel zu greifen. Denn: Im Streik schauen wir jeden Tag auf die Situation. Im Alltag schaut niemand auf den Zustand – das ist das Problem. Bei Bedarf schicken wir auch immer Leute wieder rein in die Klinik.

Dieser Streik dauert jetzt schon ein paar Wochen. Habt ihr das Gefühl, dass er ein Ende nehmen könnte, mit dem alle einverstanden sind?

Wir sind jederzeit bereit für Verhandlungen. Aber die Arbeitgeber kommen nicht so weit auf uns zu, dass man konstruktiv in den Austausch gehen könnte.

Wir brauchen daneben auch noch eine Finanzierungszusage der Politik. Die Parteien haben im Wahlkampf sehr viele Versprechen gemacht, die sie derzeit nicht einhalten.

Letzten Endes ist der große Knackpunkt, dass die Arbeitgeber unser Herzstück den Tarifvertrag "Entlastung" nicht durchsetzen wollen. Ein Herzstück, dass unsere Personalbemessungen direkt an einen Entlastungsausgleich koppelt. Das bedeutet: Wenn ich in Zukunft unterbesetzt arbeite, werde ich mit Freizeit entschädigt, um die Arbeitslast ausgleichen zu können und mich erholen zu können.

Die Arbeitgeber nennen dieses Instrument Bürokratiemonster. Ohne dieses Herzstück können wir nicht vom Tisch gehen, weil es letzten Endes die einzige Sanktionierung ist, die die Arbeitgeber dazu bringen wird, die Regeln, die sie jetzt aufstellen, einzuhalten. An der Charité funktioniert das. Dort ist es ein tolles Werbemittel geworden. Und wenn es in einer der größten Uniklinik in Europa funktioniert, dann muss es auch bei uns funktionieren.

Danke für das Gespräch.

Beschluss: Keine Nacht allein auf Station

Neben der Charité in Berlin gibt es an der Uniklinik in Jena schon seit Anfang 2020 einen ähnlichen Tarifvertrag, der die Beschäftigten entlasten soll. Der legt unter anderem fest, dass es für jede Station einen festen Personalschlüssel gibt, Pflegekräfte eine hohe Arbeitslast durch freie Tage ausgleichen können und im Nachtdienst nicht alleine arbeiten. Und das funktioniert bisher auch, sagt Philipp Motzke, Gewerkschaftssekretär bei Verdi in Thüringen für den Gesundheitsbereich.

Klickt auf Play für das gesamte Gespräch mit Verdi-Gewerkschaftssekretär Philipp Motzke über den Tarifvertrag in Jena.
"Die Beschäftigten spiegeln uns zurück, dass sie deutliche Verbesserungen spüren."

Für die Klinikleitung sei der Tarifvertrag auch eine Art Messinstrument geworden. Durch die neuen Regelungen könne sie im Vorhinein Situationen, die zu einer hohen Arbeitslast für Beschäftigte führen könnten, eher umgehen.

Ist zum Beispiel zu wenig Personal da, werden im Zweifelsfall Betten geschlossen. Der Fokus liegt dann darauf, die Versorgung der einzelnen Patient*innen sicher zu stellen, ohne die Pflegekräfte ständig an ihre Belastbarkeitsgrenzen zu bringen, sagt der Gewerkschaftssekretär. Dadurch würde die Arbeit in dem Uniklinikum für neue Pflegekräfte attraktiver sein, und mehr der alten Beschäftigten könnten gehalten werden.