Kapitalistisch, einseitig, realitätsfern. Alternative Wirtschaftsmodelle werden in Volkswirtschaftslehre nicht wirklich behandelt. Eine internationale Studenten-Initiative will in der VWL aufräumen.

Wer heute VWL studiert, wird später vielleicht Journalist, Banker, Unternehmensberater oder steigt in die Politik ein. Nicht ganz unwichtig also, welches Weltbild in der Uni mitgegeben wird. "Die Art, wie über Finanzmärkte, Arbeitslosigkeit oder die Eurokrise gesprochen wird, folgt einem einzigen Ansatz", erklärt Manuel Decker: "der Neoklassik." Er weiß, wovon er spricht, denn er studiert nicht nur VWL im Master, sondern ist auch Teil des Netzwerks Plurale Ökonomik. Der Zusammenschluss von Studenten will die Perspektive erweitern.

"Was an der Uni gelehrt wird, prägt natürlich ganz entscheidend den Diskurs in Medien, Wirtschaft, Politik.“
Samuel Decker, VWL-Student vom Netzwerk Plurale Ökonomik

Konkret heißt das: Auch Ansätze der Komplexitätsökonomik oder der feministischen Ökonomik (und vieler weiterer) sollten berücksichtigt werden. Wo bleiben außerdem Elemente der Wirtschaftsethik oder Politikwissenschaft? Was ist mit der Geschichte des ökonomischen Denkens oder des Kapitalismus? Der Kontext und die Methodik der VWL sollten dringend erweitert werden, fordern die Studenten.

Statistik ist nicht alles

Die Kritik der Studenten geht nicht gegen die aktuellen Theorien, sondern richtet sich dagegen, dass zu einseitig gelehrt wird. Die Wirtschaft befasst sich mit komplexen Problemen, könnte man das Anliegen zusammen fassen, insofern muss auch die Lehre diese Komplexität abbilden.

"Wir brauchen einen streitbaren Pluralismus, um mit Dingen wie der Eurokrise und noch größeren, langfristigeren Problemen wie dem Klimawandel umgehen zu können.“
Samuel Decker, VWL-Student vom Netzwerk Plurale Ökonomik

Mittlerweile handelt es sich um eine internationale Bewegung. 80 Organisationen in 30 Ländern gibt es schon. Die Initiative organisiert Kongresse und Vortragsreihen, die das Sichtfenster der VWL weiter öffnen. Alleine sind sie nicht mit ihrem Anliegen. Unterstützung kommt von einzelnen Professorinnen und Professoren aber auch von prominenter Seite wie vom Autor Jean Ziegler oder dem Vorsitzenden der Bank of England. Dass mehr Perspektive nicht schaden kann, muss jetzt eigentlich nur noch der Mainstream verstehen.