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Heute schon was Gutes für jemanden getan? Soziale Achtsamkeit nennt man dieses Verhalten. Forschende haben sich nun angeschaut, wovon es abhängt, dass Menschen rücksichtsvoll miteinander umgehen – und klare Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern entdeckt.

Wer verstehen will, was soziale Achtsamkeit bedeutet, dem hilft vielleicht diese Geschichte: Mary und Alex kommen verspätet zu einer Betriebsfeier, beide wollen Rotwein trinken. Auf dem Tisch stehen vorgefüllte Gläser – aber nur ein einziges mit Merlot, in den anderen ist Cabernet Sauvignon.

Mary ist zuerst am Tisch und entscheidet sich für ein Glas Cabernet Sauvignon, obwohl sie etwas lieber Merlot genommen hätte. Das macht sie, damit Alex später noch die Wahl hat, wenn er sich sein Glas holt.

"Diese Art von sozialer Achtsamkeit ist natürlich besonders förderlich, wenn Alex merkt, dass Mary ihm die Wahl gelassen hat."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Mit diesem Beispiel beschreiben die Forschenden im Fachmagazin PNAS, was soziale Achtsamkeit ausmacht: anderen die Wahl zu lassen. Ein großes Team von internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerin hat sich gezielt mit diesem sozialen Verhalten beschäftigt und es beobachtet. Ihr Fokus lag auf kleinen alltäglichen Handlungen, die anderen etwas Gutes tun, aber nicht viel Aufwand kosten.

Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern

Für ihre Studie haben die Forschenden das Verhalten von 10.000 Testpersonen in 31 Industrieländern untersucht. Sie wurden vor eine ähnliche Situation wie Mary in der Geschichte gestellt: Eine Person durfte sich zuerst bedienen und entschied so, ob die andere noch eine Auswahl hatte – das war das Maß für die soziale Achtsamkeit.

"Es hat sich gezeigt, dass es zwischen den Ländern zum Teil deutliche Unterschiede gab, wie stark die soziale Achtsamkeit ausgeprägt ist."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Das Ergebnis zeigt klare Unterschiede zwischen den Ländern: Platz 1 gehört Japan, gefolgt von Mexiko und Österreich. Deutschland belegt Platz 10 – vor Schweden, den USA und Kanada. Auf den letzten drei Plätzen befinden sich Indien, die Türkei und Indonesien.

Positive Korrelation zwischen demokratischer Verfassung und Gesetzgebung – und sozial achtsamen Verhalten

Was sind die Gründe für diese unterschiedlichen Ausprägungen von sozialer Achtsamkeit in verschiedenen Ländern? Einige Faktoren scheinen hier eine Rolle zu spielen: die Bildung der Eltern zum Beispiel, aber auch, dass Einkommensunterschiede in einem Land gering ausfallen.

"Außerdem ist es stärker ausgeprägt in Ländern, in denen Religiosität eine geringere Rolle spielt, wobei die Forschenden sagen, dass sie das nicht auf der individuellen Ebene angeschaut haben."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zudem wurde in der Studie eine positive Korrelation zwischen einer demokratischen Verfassung und Gesetzgebung in einem Land und dem sozial achtsamen Verhalten seiner Bewohnerinnen und Bewohner bemerkt. Die Forschenden sehen das als Zeichen dafür, dass die Menschen nicht davon angetrieben werden, einem Regime oder Machthaber zu gehorchen.

Es gehe vielmehr darum, dass Menschen in gegenseitigen Beziehungen zueinander stehen und sich als gleichwertige Personen anerkennen. Das hat wohl auch Auswirkungen auf die Umwelt: Laut Studie gibt es mehr gesellschaftliche Anstrengungen für Umweltschutz, wo soziale Achtsamkeit ausgeprägt ist.