Krisen – seien es Naturkatastrophen, Finanzkrisen oder die Corona-Pandemie – wirken sich auf unser Sozialverhalten aus. Manchmal im positiven und manchmal im negativen Sinne. Aktuell sieht es danach aus, dass die Corona-Krise eher unsere schlechten Seiten rauskitzelt.

Henning Goersch lehrt Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Seit 2014 untersuchen er und sein Team, wie sich Menschen bei Katastrophen und Krisen verhalten. Das können zum Beispiel Überschwemmungen, extremes Schneechaos oder eben auch eine Pandemie sein. Bisher zeigt das Ergebnis der Untersuchungen, dass Menschen in solchen Ausnahmesituationen sozialer als sonst sind.

"Eigentlich verhalten sich die Menschen in Katastrophen und Notfällen deutlich kooperativer und pro-sozialer als sonst."
Henning Goersch, Professor für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement

Die Wissenschaftler haben sich rund 7200 verschiedene Verhaltensweisen schildern lassen und dahingehend analysiert, ob sie eher ein soziales oder eher ein egoistisches Verhalten widerspiegeln. In anderen Notsituationen zeigte sich, dass in etwa ein Drittel der analysierten Situationen ein kooperatives und pro-soziales Miteinander auftrat. Während der Corona-Krise ist die Verteilung aber anders: ungefähr Hälfte-Hälfte, mit einer leichten Neigung zu anti-sozialen, egoistischen Verhaltensweisen.

"Das beginnt mit dem Klopapier, das jemandem weggeschnappt wird, geht über absichtliches Anhusten, Streiten, bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen."
Henning Goersch, Professor für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement

Das Leid, das das Virus anrichtet, ist nicht offensichtlich

Die Ergebnisse waren auch für Henning Goersch und sein Team überraschend. Ihr Erklärungsversuch: Nach einer Überschwemmung, die Häuser und das Leben von Menschen zerstört hat, ist das Leid und die Katastrophe sofort für alle sichtbar. Gleichzeitig sind die Beteiligten und auch deren Umfeld durch das Ereignis dermaßen aus dem Alltag herausgerissen, dass Helfen und Mitanpacken als die einzige sinnvolle Beschäftigung erscheint.

"Ich sehe das Leiden nicht, das ist in den Krankenhäusern. Vielleicht wird es medial vermittelt, aber in meinem Alltag sehe ich es nicht."
Henning Goersch, Professor für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement

Im Falle der Corona-Pandemie ist das anders. Das Leid, das das Virus verursacht ist nicht auf Anhieb für jede und jeden sichtbar. Die Verstorbenen und Infizierten tauchen für die meisten von uns nur als abstrakte Fallzahlen auf. Außerdem können wir nicht viel zur Änderung der Lage beitragen, außer uns selbst zu schützen und zurückzuziehen.

"Wir haben auch soziale, kooperative Verhaltensweisen gefunden, wie etwa für ältere Menschen einkaufen gehen."
Henning Goersch, Professor für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement

Die Forschenden haben in ihren Analysen auch viele soziale Situationen identifiziert – etwa Jüngere, die für ältere Menschen einkaufen gehen. Insgesamt seien das also keine dramatischen Ergebnisse. Aber Henning Goersch rät trotzdem dazu, sich die Zahlen ein bisschen genauer anzuschauen.