Narzissmus ist keine grundlegend negative Eigenschaft. Neigt ein Narzisst allerdings dazu, andere abzuwerten, schon. Die Auswertung einer Studie zeigt: Diese Persönlichkeitseigenschaft fördert die Tendenz, die AfD zu wählen.

Menschen mit negativen narzisstischen Zügen tendieren häufiger dazu, eine rechtspopulistische Partei wie die AfD zu wählen.

Für diese Erkenntnis hat Sabrina Mayer, Leiterin des Forschungsclusters Daten, Methoden und Monitoring am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung zusammen mit anderen Forschern die Aussagen einer Studie des Leibnitz-Instituts für Sozialwissenschaften aus dem Jahr 2016 ausgewertet.

Positiver und negativer Narzissmus

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen positivem und negativem Narzissmus.

  • Positive Narzissten streben häufig nach Bewunderung durch andere. Sie sind deshalb meistens sehr ehrgeizig und engagiert.
  • Negative Narzissten werten häufig andere ab, um sich selbst besser zu fühlen. Sie schwanken in der Regel zwischen Selbstüberschätzung, halten sich für etwas besseres und denken immer, sie seien im Wettstreit mit anderen. Sie besitzen also eine narzisstische Rivalität.

Auswertung narzisstischer Aussagen

Das Vorgehen: Die ausgewertete Studie der Leibnitz Institutes von 2016 bat 2800 Menschen zwischen 18 und 90 Jahren, narzisstische Aussagen zu bewerten. Beispielsweise: "Die meisten Menschen sind Verlierer". Oder: "Ich will, dass meine Rivalen scheitern".

Diese Aussagen sollten auf einer Bewertungsskala zwischen völliger Ablehnung und völliger Zustimmung eingestuft werden. Damit konnten also die negativen Narzissten identifiziert werden.

Gleichzeitig wurden die Teilnehmenden gefragt, welche Partei sie wählen würden, wenn am nächsten Sonntag eine Wahl anstünde. Das Ergebnis:

Von den 364 potenziellen AfD-Wählern wurden 91 als negative Narzissten eingestuft, das sind 25 Prozent. Diese Menschen reagierten also besonders auf rivalisierende und abwertende Botschaften. Zum Vergleich: Bei den anderen Parteien waren es 14 (CDU, Grüne) bis 20 Prozent (Linke).

Definition über ethnische Herkunft

Der gemessene Negative-Narzissmus-Anteil ist unter den potenziellen AfD-Wählern also besonders hoch. Wissenschaftlerin Sabrina Mayer sagt aber: Diese Zahlen an sich hätten noch nicht so viel Aussagekraft. Es ginge vielmehr um den "zugrundeliegenden Mechanismus, also wie die Verbindung von Persönlichkeit zur AfD-Wahl funktioniert".

Ein Element, dass es so nur im Rechtspopulismus gibt, ist das sogenannte "nativistische Element". Das bedeutet, dass Rechtspopulisten davon überzeugt sind, dass sich ihr Volk aufgrund einer bestimmten ethnischen Herkunft definiere, zu der andere Menschen nicht gehörten.

Die Weltsicht eines rivalisierenden Narzissmus spiegelten auch die Wahlplakate der AfD wider mit Slogans wie "Der Islam gehört nicht zu Bayern", erklärt Sabrina Mayer.

"Einzigartig für den Rechtspopulismus ist ein sogenanntes nativistisches Element. Dass ich eben sage: Es gibt mein Volk, mein Volk ist definiert aufgrund einer bestimmten ethnischen Herkunft und bestimmte Menschen gehören nicht dazu."
Sabrina Mayer, Leiterin des Forschungsclusters Daten, Methoden und Monitoring am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung

Die Studie hat nicht gezeigt, dass alle Rechtspopulisten negative Narzissten sind oder umgekehrt. Es steige jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen eine rechtspopulistische Partei wählten, sagt Mayer.

Eine Erkenntnis: Ein Viertel der negativen Narzissten sind in hohem Maße menschen- und fremdenfeindlich. Und: Knapp 58 Prozent derer mit hohen fremdenfeindlichen Einstellungen wählen die AfD.

Charakter und politische Gesinnung passen oft zusammen

Dass die politischen Gesinnung in Zusammenhang mit persönlichen Charaktereigenschaften steht, haben bereits frühere Studien untersucht und teilweise bestätigt.

Bei diesen Studien wurde ein gängiges Model aus der Psychologie verwendet, das "Fünf-Faktoren-Model". Demnach besteht die Persönlichkeit eines Menschen aus fünf relativ unterschiedlichen Persönlichkeitsdimensionen wie beispielsweise die Offenheit für neue Erfahrungen oder die Gewissenhaftigkeit.

Heraus kam, dass Menschen, die offen sind für neue Erfahrungen, zur Wahl der Grünen tendieren, Personen, die in einem höheren Maß gewissenhaft sind, oft CDU/CSU wählen.

Ob negative Narzissten allgemein zu extremeren Parteien neigen oder gezielt zum Rechtspopulismus tendieren, ist eine Frage, die auch Wissenschaftlerin Sabrina Meyer noch beantworten möchte.