"Nazischweine raus" haben Studierende gerufen, als Bernd Lucke vor gut einem Jahr wieder eine Vorlesung an der Universität Hamburg halten wollte. Seitdem ist eine Diskussion darüber in Gange, ob es genug Raum für konservative Stimmen an Hochschulen gibt.

Eigentlich wollte Bernd Lucke, Mitbegründer und Ex-Mitglied der AfD, eine Vorlesung zum Thema Makroökonomie an der Universität Hamburg halten. Weit ist er nicht gekommen, denn die Proteste der Studierenden haben ihn kaum zu Wort kommen lassen. Bernd Lucke trage eine Mitschuld an der Spaltung der Gesellschaft, sagt ein Student.

Er selbst sieht das anders: Lucke sei derjenige, der den Kampf gegen die rechtsextremen Stimmen in der Partei verloren habe. Die Wut der Studierenden richtete sich also gegen den Falschen.

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Die Proteste gegen Bernd Lucke haben die Frage aufgeworfen, was an Hochschulen gesagt werden darf und was nicht? Für viele konservative Professorinnen und Professoren seien diese Proteste eine Form der Zensur, sie beklagen sogar eine "Kultur der Einschüchterung".

Laut einem Bericht der Zeitung "Welt am Sonntag" im November planen deshalb Professorinenn und Professoren die Gründung eines Netzwerks für mehr Meinungsfreiheit. Dazu äußern wollte sich bisher allerdings keiner der Initiatoren.

Die Rolle der deutschen Geschichte im heutigen Diskurs

Tatsächlich gibt es in Deutschland im Vergleich zu beispielsweise Universitäten in Frankreich auffallende Unterschiede: Rechte Intellektuelle fänden dort deutlich mehr Gehör, sagt der Soziologe Rudolf Stichweh. Allgemein gebe es in Deutschland wenig Raum für konservative Intellektualität.

"Es ist auffällig, dass im intellektuellen Spektrum der Bundesrepublik Deutschland konservatives Denken, konservative Intellektualität nie einen anerkannten und legitimen Platz gefunden hat."
Rudolf Stichweh, Soziologe

Woran liegt das? Rudolf Stichweh sieht den Ursprung eindeutig in der Geschichte: die Erfahrung der Bundesrepublik mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands, warnt allerdings davor, dass diese historische Bürde nicht zu einem eingeschränkten wissenschaftlichen Diskurs an Hochschulen führen dürfe.

Die Abgrenzung der Konservativen von Nationalsozialisten

Um zu klären, was noch gesagt werden darf und was nicht, braucht es klare Definitionen und Abgrenzungen. Die sind allerdings oft sehr verschwommen, wenn es darum geht, rechtskonservative Ideen von nationalsozialistischen zu unterscheiden. Das ist bereits seit den 1920er Jahren so, also seit der Weimarer Republik, sagt Rudolf Stichweh. Rechtskonservative hätten es schon damals schwer gehabt, sich von den Nationalsozialisten abzugrenzen.

Ihnen sei es nicht gelungen zu zeigen, "dass es einen signifikanten Unterschied zwischen rechtskonservativen und nationalistischen Positionen gibt", erklärt er weiter. Mit ihrer Idee der "konservativen Revolution" und ihrem antidemokratischen Gedankengut hätten sie dennoch den Nationalsozialisten in die Hände gespielt. Wiederholt hat sich dies zehn Jahre später mit der Deutschnationalen Volkspartei 1932/1933, die Hitler zum Aufstieg verholfen hat.

Die Geschichte wiederholt sich

Laut Rudolf Stichweh erleben wir heute erneut eine "Wiederaufführung": Denn auch die Gründer der AfD wie Bernd Lucke, Konrad Adam oder Alexander Gauland hätten geglaubt, eine konservative Partei zu gründen. Bernd Lucke und Konrad Adam haben die Partei bereits verlassen, Alexander Gauland kapituliere täglich vor den Rechtsradikalen.

"In gewisser Hinsicht erleben wir auch heute eine Wiederaufführung, nämlich in der Geschichte der AfD. Da waren ja auch die Gründer wie Lucke, Adam, Gauland, die wohl geglaubt haben, sie gründen eine konservative Partei."
Rudolf Stichweh, Soziologe

Laut Rudolf Stichweh seien deshalb rechtskonservative Intellektuelle wie Bernd Lucke selbst schuld, dass ihre Stimmen im akademischen Diskurs so wenig gehört werden. Lucke habe sich mit den rechtsextremen Stimmen in seiner Partei verkalkuliert – er habe den rechtsextremen Flügel seiner Partei nicht unter Kontrolle halten können.

Ob das neue Netzwerk, das gegründet werden soll, etwas daran ändern wird, ist vermutlich erst nach der Corona-Pandemie erkennbar. Denn solange die Vorlesungen online verlaufen, sind die Möglichkeiten der Studierenden für Proteste sowieso vorerst eingeschränkt.