Stephan fliegt mit 17 vom Gymnasium, macht eine Ausbildung, ist frustriert und denkt sich: Das kann doch nicht alles sein. Dann bekommt er seine Chance.

Wenn der Wind nicht gerade stramm von vorne kommt, fährst Du mit dem Fahrrad von Obrighoven bis nach Wesel-Flüren mindestens 30 Minuten. An diesem Morgen waren es bestimmt eher 40, aber das lag nicht am Wind. Es lag eher daran, dass überhaupt keine Eile nötig war. Wir waren die Nacht über bei Michael gewesen - großes Haus, Pool im Keller, Eltern weg, eine wunderschöne Party mit Southern Comfort und O-Saft. Und während das alles noch so nachschwingt und ich über den Deich fahre, links der Rhein, rechts der Auesee, Sonne von schräg hinten, ich mit einem Gefühl von ganz wenig Schwerkraft.

Zu Hause dann steht Mama schon da und guckt ganz ernst, auf dem Tisch liegt ein Brief von der Schule. Der Brief. Vor ein paar Wochen war Nachprüfung und darin ist das Ergebnis. Stephan Beuting wird in die elft Klasse nicht versetzt. Im Rückblick gut, dass ich nicht so schnell gefahren bin. Zehn Minuten mehr von der guten schwerkraftarmen Zeit.

Wie das passieren konnte, das kann ich gerne erzählen, das lässt sich erklären. Was ich nicht erklären kann, welches Glück ich hatte, es viele Jahre später reparieren zu dürfen. Eine echte zweite Chance zu bekommen, fürs Leben. Aber der Reihe nach.

"Wenn es in den Pausen zu wild war, dann war ein Loch in der Rigipswand. Das wurde dann wieder mit Rigips geflickt, damit sie in der nächsten Pause wieder kaputt war."
Mark Tittmann, ein guter Freund von Stephan

Barthel-Bruyn-Weg 54, Konrad-Duden-Gymnasium. KDG. Mein Gymnasium. Und bis zur 10. Klasse hatten wir uns auch ganz gerne, denn da lief es noch gut. Auch Mark, ein guter Freund, erinnert sich an die Zeit: "Die Schulzeit, die Lehrer, das KDG - habe ich zu 90 Prozent als Frontalunterricht in Erinnerung. Und wenn man da einen Rückstand hatte, da ist keiner abgeholt worden. Du musstest versuchen, da wieder dran zu kommen."

Und dann waren da so Leute wie mein Englischlehrer. Insgesamt wenig Respekt und viel Verachtung für Schüler mit schlechten Noten. Ich sag nicht, dass mein Englischlehrer oder die Schule mein Leben ruiniert haben, aber Schule und Lehrer waren auch nicht so gut, wie sie hätten sein können. Sagen wir, die Schule, die Lehrer bekommen eine Teilschuld an der Scheiße, die da passiert ist aber nicht mehr als 20 Prozent. Ich hatte einfach desaströs schlechte Noten.

"Theoretisch hätte man mehr tun müssen, aber dafür waren die Nachmittage zu schade. Deswegen schlitterte man in manchen Fächern so hinterher und in manchen Fächern hat man den Anschluss verloren."
Mark Tittmann, ein guter Freund von Stephan

Nicht dass die Schule überdurchschnittlich viele Sitzenbleiber produziert hätte. Aber für uns hat es gereicht. Das war 1993. Als ich dann eben erfuhr: Stephan Beuting wird in die 11. Klasse... nicht versetzt.

Stephan bleibt in der 10. Klasse sitzen

Sitzenbleiben bedeutet für mich erst einmal: Meine Freunde sind weg. Aber die Hoffnung dabei war ja, dass das Sitzenbleiben wenigstens kurzfristig einen positiven Effekt hat. Statistisch sind Sitzenbleiber im Jahr nach ihrem Sitzenbleiben erst einmal besser. Bei mir war es aber nicht so. Obwohl ich in diesem Jahr - aus meiner Sicht - Vollgas gelernt hatte, hatte ich immer noch zwei Fünfen, also eine zu viel. Mathe war anspruchsvoller geworden. Und in Latein war der Sprung noch heftiger. Von Julius Cäsars Kriegsgeschichten-Übersetzungen zu Gedichtinterpretationen - Ovid und so. Und dann kam noch dazu: Zum richtig ernsthaften Lernen - Mathe und Latein sind ja beides Lernfächer - da waren die Nachmittage dann doch vielleicht auch zu schade. Also Nachprüfung und den Rest hab ich ja erzählt.

"Das Schlimmste war, niemand hat Ärger gemacht."
Stephan Beuting ist nach der 10. Klasse vom Gymnasium geflogen

Zweimal hintereinander nicht versetzt werden, das ist schlecht, denn das heißt: runter vom Gymnasium – nach 10 plus 1 Schuljahren, mit Hauptschulabschluss.

Das Schlimmste war vielleicht, niemand hat Ärger gemacht. Von allen Seiten gab es viel Verständnis, weil der Junge hatte es ja auch nicht leicht. Sieben Jahre vorher, 1986, war mein Papa gestorben, an Krebs. Ich war da zehn und viel mehr als mit Trauer damit beschäftigt, nicht traurig zu wirken. Und nicht als Abladestelle für Mitleid benutzt zu werden. Dass Papa tot war, das war meine Sache, hatte mit dem anderen nichts zu tun und ging deswegen niemanden was an. Panzer fertig.

Nach dem Sitzenbleiben - vor den Nachprüfungen

Der Sommer 1994 war so heiß, dass viele in ihren Kellern geschlafen haben. Ganz besonders der Juli. In Niedersachsen starben 175.000 Hähnchen in überhitzten Mastställen, Veterinäre in Niedersachsen diagnostizierten Sonnenbrand bei Kühen. Und ich hatte Nachhilfe ohne Klimaanlage. Vielleicht war es einfach zu heiß, um das noch zu schaffen.

Montagmorgen, Sommer - keine Zukunft

Als es dann nach den Ferien wieder losging, da war da dieser wunderbar warme Montag, erster Schultag, zumindest für meine Freunde. Tausende Male morgens unausgeschlafen in die Schule gequält. Und genau in dem Moment, wo ich nicht muss, würde ich gerne. Aber in welche Klasse? Keine Schule, keine Ahnung, was jetzt kommen soll. Mitte der Woche hatte ich einen Termin beim Arbeitsamt, bei der Berufsberatung, aber eben erst Mittwoch. So gegen 10 Uhr, an diesem Montagmorgen, war die Sonne um unser Haus herum gekommen, um 11 Uhr war der Rasen so trocken, dass ich ihn mit unserem Handrasenmäher prima mähen konnte. Nachmittags hab ich dann noch das Auto gewaschen. Das hat sich gut angefühlt. Das Problem war der Dienstag, Rasen: kurz, Auto: sauber. Zukunft: keine.

"Ich habe gedacht, es ist schade, der bräuchte jetzt Unterstützung und ganz viel Hilfe."
Renate Brützel, Lehrerin und Mutter eines Freundes von Stephan

Der Bruch kam nicht plötzlich. Wie auf einem zugefrorenen See, der langsam abtaut und du stehst drauf und dann wächst da so langsam der Riss. Der war längst gut sichtbar und kurz vor meinen Füßen, auch als ich ein paar Monate zuvor mal nachmittags bei Benjamin war.

Benjamins Mutter Renate ist selbst Lehrerin. Weil wir mal zusammen Mathe gelernt haben, weiß sie auch, dass ich miese Noten habe. Und weil vielleicht Schüler kurz vorm Abschmieren so eine Aura haben, checkt sie, dass ich Probleme habe. Und ich checke, dass sie es checkt.

Wenn Du aus dem Flugzeug fällst, dann rauscht der Wind im Ohr, du merkst, es geht abwärts. Im Traum gibt’s auch ein Fallen. Ohne Rauschen. Aber ohne Rauschen merkst du eben nicht, wie schnell das mit dem Fallen geht. Wenn das für alle so offensichtlich ist, aber für Dich nicht, dann muss doch jemand mal Bescheid sagen. Es soll ja Eltern geben, die sehen so was kommen und warnen ihre Kinder oder nerven sie. Oder sie ärgern sie: Du schaffst das eh nicht. Und dann im Zweifelsfall selbst das Ruder.

So war das bei uns nicht, bei mir und meiner Mama. Auch wenn sie das so nicht sagen würde, meine Mutter ist der optimistischste Mensch der Welt. Als der Realismus kommt und wir anfangen zu kämpfen, da ist es zu spät.

Härtefallausschuss für alle NRW-Schulen

Meine Mama, ihr damaliger Lebensgefährte und ich fahren zum Härtefallausschuss für alle NRW-Schulen. Um zu betteln, dass ich auf dem KDG bleiben darf. Ich muss draußen warten. Drinnen erzählt meine Mutter ein paar Beamten, dass das alles mit dem Tod meines Vaters zu tun habe. Dass der Junge deswegen so von der Rolle sei. Das war die letzte Karte, weil er den Vater verloren hatte. Eine Runde Mitleid. Unglaublich peinlich. Und absolut erfolglos.

"Und dann haben wir gewartet. Aber das hat nichts genützt. Es hat sich nicht positiv ausgewirkt."
Christa Beuting, Stephans Mutter

Nach dem Schulverweis kommt die Ausbildung

Die Berufsberatung beim Arbeitsamt im BIZ (Berufsinformationszentrum). Ein spezieller Ort, auch für jemanden, der genau weiß, was er ist und was er will. Für mich mit 17 völlig surreal. Ein dicker cremefarbener Röhrenmonitor, darauf läuft eine ruckelige Benutzeroberfläche. Das Programm fragt und ich tippe mein Leben da rein. Schulabschluss: Haupt. Interessen: Volleyball, Laufen. Behinderung: keine. Führerschein: ja. Auch für Lkw: nein. Arbeiten Sie gerne draußen? Mh. Sind sie kommunikativ? Ja. Einen Moment Bitte. 

Der BIZ-Computer rechnet aus, was ich aus meinem Leben machen soll. Wahrscheinlich nichts mit Studium, was die meisten meiner Freunde vorhaben, wahrscheinlich was mit Frust und wenig Kohle. Der Fortschrittsbalken ist durch. Vorschlag Nummer eins: Landschaftsgärtner. Vorschlag zwei: Elektroinstallateur. Aha.

Elektroinstallateur werden, das heißt, sich um einen Ausbildungsplatz bewerben und das heißt damals für mich: ein Jahr irgendwie rumkriegen. Ideal dafür: die Berufsfachschule Wesel. Ideal vor allem, weil sie im Umkreis vieler Kilometer die einzige Schule ist, die mich zu dieser Zeit aufnimmt. Meine Klasse: eine Art Vorbereitung für den Elektrotechnikerberuf. Und ganz neu: In den Pausen wird gekifft.

Und ehrlich gesagt: Es gibt hier schon Anzeichen dafür, dass ich zwar gute Noten bekomme, aber auch dafür, dass ich nicht der geborene Elektriker bin. Für mich war das weniger Zukunft als vielmehr eine einzige große Strafversetzung. Keine gute Voraussetzung, um durchzustarten.

"​Mensch, toll, dass das mit der Lehrstelle geklappt hat, haben da immer alle gesagt. Ich solle dankbar sein."
Stephan Beuting ist nach der 10. Klasse vom Gymnasium geflogen

Die Lehrstelle - ein Glücksgriff?

Mensch, toll, dass das mit der Lehrstelle geklappt hat, haben da immer alle gesagt. Ich solle dankbar sein. Mich erstmal anpassen. Das wird schon. Erst mal wieder Tritt finden und bitte, zieh es jetzt durch. Mein Lehrbetrieb, das ist Elektrotechnik Eimers. Schaltanlagen – Trafostationen. Ausbildung zum Elektroinstallateur. Dauer: 3,5 Jahre. 

Als ich anfange, bin ich 19. Im Rückblick weiß ich nicht, was schlimmer war: Die Tatsache, handwerklich nur mittelmäßig begabt zu sein oder das übel frühe Aufstehen. 7 Uhr Start, 6 Uhr, wenn du auf Montage gefahren bist. In meinem Lehrjahr war Gerrit. Handwerklich begabt, schlagfertig, Grundkenntnisse in Formel 1 und Car-Tuning, Mitglied im Schützenverein. Anschlussfähig, also, gut integriert. Das ging also theoretisch. Leider nicht für mich. Mein Polo lag nicht tief, hatte keine Verkleidung, dafür Beulen und auf dem Armaturenbrett hatte ich eine kleine Wiese aufgebaut, mit Streu aus dem Modelleisenbahnfachhandel und kleinen Kühen. 

Irgendwas mit den Jungs da zu teilen, das wäre aber ganz gut gewesen, um in der Elektrotechnik-Eimers-Hackordnung nicht ganz unten zu stehen und von allen immerzu bepickt zu werden. Leider war da nichts. 

"Du kamst ja oft nach Hause und hast nicht viel gesagt."
Christa Beuting, Stephans Mutter

Vielleicht war ich in der Zeit ein bisschen depressiv. Besonders in der Zeit, in der ich mit Maik zusammengearbeitet habe, Geselle bei Eimers, groß, handwerklich sehr fähig, menschlich sehr scheiße, versiert darin, mich zu mobben. Vielleicht, weil er damals schon irgendwie checkt: Ich pass hier nicht rein. 

"Ich hab nur die guten Sachen abgespeichert. Eimers irgendwie geschafft und dann schwups, warst du auf der Abendschule und hast schon gute Noten abgeliefert. Ich weiß gar nicht, was du so ein Drama daraus machst."
Mark Tittmann, ein guter Freund von Stephan

Das ist jetzt vorgegriffen. Abendschule kommt gleich. Aber in dem Moment, merke ich, war das vielleicht für Mark und viele andere kein Thema, zumindest eben kein Drama. Die waren einfach froh: Nachdem ich es zwei Mal hintereinander auf der Schule verkackt hatte, schien es so als würde ich jetzt die Kurve kriegen. 

Kennt vielleicht jeder von sich selbst in so ner Situation: Dass man denkt, der Junge soll jetzt mal die Ausbildung machen und dann weitergucken. Hauptsache, er zieht das jetzt erst mal durch und bricht nicht ab, damit er was vorzuweisen hat im Lebenslauf. Klingt gut, für die anderen. Die Tage von Montag bis Freitag waren so eimersartig in die Länge gezogen. Und weil da keine Perspektive war, habe ich mir Leute gesucht, die mit mir an einem anderen Projekt gearbeitet haben. Das Projekt hieß: Verkürz die Woche.

Donnerstags fing die Party an

Das war der Plan: Donnerstags betrinken, dass Du vom Freitag nichts mehr mitbekommst, Fortsetzung dann Samstag und Sonntag, das strahlte noch in den Montag rein. Dienstag und Mittwoch durchbeißen dann von vorne. Los ging es an der Aral-Tankstelle in Wesel, Reeser Landstraße.

"Einmal Faxe, zweimal Kümmerling."
Mark Tittmann, ein guter Freund von Stephan

Dann weiter mit Pils und Sambuca. Ein Fest. Und je beschissener die Woche, desto besser. Und wenn alles richtig lief, dann blieb vom Freitag rein gar nix mehr übrig. Und so ziehe ich das durch, dreieinhalb Jahre. Aber dabei wächst auch der Frust. Und die Einsicht, dass ich so nicht ewig weitermachen will. Ich will noch was lernen, einen anderen Beruf, ich will weg, will studieren und dafür brauch ich das Abi.

"Ich will studieren und dafür brauch ich Abi"

Und da kam die Idee, ich mache das, und zwar per Telekolleg. Telekolleg, das kann man sich vorstellen wie Fernuni mittels Fernsehen. Das war zwar auch 1999 schon nicht mehr der heiße Scheiß, aber von Youtube und Blended Learning hatte da noch keiner gesprochen. Also brauchte ich erst mal einen eigenen Videorecorder. Der war so programmiert, dass er tagsüber, wenn ich Elektro installiert habe, die Unterrichtseinheiten aufnahm. Abends, nach der Arbeit, dann die Teile anschauen, Chemie, Mathe, Deutsch, Physik, zu jeder Folge gab es Arbeitsblätter. Alle paar Monate gab es Präsenzsamstage, wo alle zusammenkommen sollten. Dass die Freizeit fürs Lernen draufging, das war kein Problem. Wie übel das war, keine Perspektive zu haben, merkst du in dem Moment, wo du auf einmal wieder eine hast.

"Wie übel das war, keine Perspektive zu haben, merkst du in dem Moment, wo du auf einmal wieder eine hast."
Stephan Beuting ist nach der 10. Klasse vom Gymnasium geflogen

Ich wollte einfach alles heimlich wieder kitten, um dann hinterher -  Tadaa - alle zu überraschen. Aber drei Monate später war ich überrascht. Da kam ein Brief vom Telekolleg. Ich solle mal zur Anmeldungsstelle in die VHS-Wesel kommen. Ins Zimmer 307. Ich bin da wirklich noch einmal hingegangen, weil das ein besonderer Ort ist, 3. Stock. Für mich persönlich, der Tiefpunkt. 

Als ich an dem Tag damals reinkomme, liegen auf dem Tisch meine Unterlagen. Eine Frau schaut mich mitleidig an. Schlechte Nachrichten: Sie erklärt mir, es gebe Probleme mit meiner Zulassung. Sie hätten intern noch mal alles geprüft und tja, Herr Beuting, Sie erfüllen die Voraussetzungen nicht. Wegen Defiziten in Latein keine Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe. Auf Wiedersehen.

"Hier zu stehen und gesagt zu bekommen, du darfst nicht mitmachen, das war der Knock-out."
Stephan Beuting

Das erste Sitzenbleiben, das war wie das Laufen vor eine Glastür. Das Zweite war, als wenn jemand am Teppich zieht, auf dem du stehst. Und hier zu stehen und gesagt zu bekommen, du darfst nicht mitmachen, das war der Knock-out. In der Scheiße sitzen und ehrlich hoffen, da rauszukommen, ist viel schlimmer als in der Scheiße sitzen. Erster Gedanke: Gut, dass ich es noch nicht so vielen erzählt habe. Zweiter Gedanke: Das war's. Du steckst fest. Du hast Mist gebaut und das wirst du nie wieder los.

Im Zimmer 307 sitzt heute eine Frau Silber. Als ich an dem Tag da bin, ist ihre Vertretung da, Claudia Böckmann. Die fragt interessiert nach, warum ich hier bin und hört zu: "Dann war ich hier, habe diese Nachricht bekommen und bin rausgegangen. Und dann hat mich die Kollegin nochmal zurückgerufen. Und hat gesagt Moment."

Und dann erst nach einer kurzen Pause denke ich: Okay, die meint mich. Aber ich kann auch einfach weitergehen und so tun, als ob ich nix gehört hätte. Ich entscheide mich fürs Umdrehen, was denn? Ich solle mal zur Abendschule gehen, sagen die mir.

"Bei uns dürfen Sie nicht. Aber, gehen Sie doch mal zur Abendschule. Die lassen manchmal fünfe gerade sein."
Stephan Beuting erinnert sich an diesen Satz der Sekretärin

Bei der Abendschule treffe ich einen Mann, über 1,90 Meter, graues Jackett, leicht vorgebeugt, Reinhard Wolf. Reinhard Wolf hört sich meine Geschichte an. Gymnasium, Lateindefizit, Berufsschule, Lehre und Frust, Telekolleg und Anerkennungsproblem. Und Wolf hat eine Idee. Formell sagt er, darf ich nicht an der Abendschule anfangen, eben wegen Latein, aber: Er würde mir jetzt mal eine Chance geben. Ich müsse ihm nur Versprechen, die Chance zu nutzen, reinzuhauen. Ich hätte es in der Hand: Wenn ich nach einem halben Jahr ein gutes Zeugnis hinbekommen würde, dann wäre das alles hinfällig, dann hätte ich Bestandsschutz.

Und plötzlich läuft's

Die Lehrer an der Abendschule sind kooperativ und entspannt, okay, die Schüler auch. Alle arbeiten gut zusammen, mein erster Notenschnitt ist 1,3. Zwei Jahre später habe ich mein Abi mit Schnitt 1,4.

Auf meiner alten Schule wäre ich vielleicht bei 3,4 gelandet. Zusammen mit den angehäuften Wartesemestern kann ich auf einmal Fächer mit einem NC von 1,2 studieren. Zum Beispiel, Medienwissenschaft in Bonn, in meinem Jahrgang mit lauter Extrem-Schlaubis.

Als meine alte Stufe zehnjähriges Abiturnachtreffen feiert, bin ich eingeladen und geh hin. Mein ehemaliger Englischlehrer ist auch da. Eigentlich wollte ich ihm von Reinhard Wolf erzählen. Davon, wie du deine Funktion als Lehrer dazu nutzen kannst, anderen zu helfen. Dass du jemandem, den du gar nicht kennst, das das Gefühl geben kannst: Du bist in Ordnung, einfach so. Aber ich trau mich natürlich nicht.

Reinhard Wolf ist wenig später pensioniert worden. Kurze Zeit später ist er gestorben. Ich hätte ihm gerne noch mal erzählt, dass er es war, der mir geholfen hat aus diesem schwarzen Loch wieder rauszukommen, die Schwerkraft wieder zu reduzieren. Dass er es war, der mir im Rückblick, die entscheidende Chance meines Lebens gegeben hat. Danke.

"Reinhard Wolf war es, der mir im Rückblick, die entscheidende Chance meines Lebens gegeben hat. Danke."
Stephan Beuting