Zum ersten Mal seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan wurde ein Mensch öffentlich hingerichtet. Außerdem wurden 27 Menschen öffentlich ausgepeitscht. Die Situation der Frauen verschlechtert sich jeden Tag, berichtet unser Korrespondent Peter Hornung.

Im Sommer 2021 übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Zunächst hatten manche die Hoffnung, dass gemäßigte Gruppen die Führung innerhalb der Taliban übernehmen könnten. Doch diese Hoffnung ist längst vergessen.

Zum ersten Mal nach der Machtübernahme wurde in Afghanistan öffentlich ein Mann hingerichtet und die Tat auch offiziell bestätigt. Die Hinrichtung erfolgte durch den Vater des Opfers, so Peter Hornung, unser Korrespondent für Südasien. "Dieser hat den Mörder seines Sohnes mit Schüssen aus einer Kalaschnikow getötet."

Außerdem wurden am 8. Dezember 27 Menschen in verschiedenen Provinzen im Land öffentlich ausgepeitscht.

Taliban wollen Bevölkerung einschüchtern

Hinrichtung und Auspeitschen finden öffentlich statt, um die Leute abzuschrecken, so Peter Hornung. So wolle das Regime zeigen, was das neue Emirat Afghanistan bedeutet. Als Emirat bezeichnen die neuen Machthaber das Land.

Im November hatte die Führung in Kabul die Richter im Land dazu aufgefordert, das islamische Recht – die Scharia – vollständig umzusetzen. "Das war eine Anweisung des Obersten Führers der Taliban", sagt Peter Hornung. Zu den drakonischen und inhumanen Strafen der Scharia gehört auch, Dieben die Hand abzuhacken oder Ehebrecherinnen auszupeitschen – öffentlich.

"Es war relativ klar, dass die Scharia kommen würde."
Peter Hornung, Korrespondent für Südasien

Die Taliban hatten von Beginn an nie zugesichert, dass sie die Scharia nicht wieder einführen würden, so Peter Hornung. Deshalb sei es leider zu erwarten gewesen, dass das Regime diese menschenrechtswidrige Praxis der Strafen wieder anwenden würde.

Im Sommer 2021, als das Regime die Macht an sich riss, hatten manchen noch gehofft, dass es keinen kompletten Rückfall in die Zeit der Taliban-Herrschaft vor 2001 geben würde. "Am Anfang klangen die Taliban tatsächlich weniger radikal", sagt Peter Hornung. "Aber das waren die Taliban, die damals in er Öffentlichkeit geredet haben." Doch innerhalb der Taliban gäbe es verschiedene Gruppen, die unterschiedlich radikal seien. Durchgesetzt haben sich die extrem radikalen Kräfte.

Frauenrechte werden massiv eingeschränkt

Das hat auch Konsequenzen für das Leben von Frauen und Mädchen – schon seit der Machtübernahme. In den vergangenen Monaten habe sich die Situation aber weiter verschlimmert. "Und ich sehe überhaupt nicht, dass etwas besser werden sollte", sagt unser Korrespondent.

"Die Frauenrechte werden immer weiter eingeschränkt. Es geht den Frauen jeden Tag schlechter."
Peter Hornung, Korrespondent für Südasien

Schon länger dürfen Mädchen nicht mehr die weiterführenden Schulen besuchen. Nun kam kurzfristig die Erlaubnis, dass sie aber eine Schulprüfung ablegen dürften, so Peter Hornung. Doch die Mädchen waren monatelang vom Unterricht ausgesperrt.

Eine Gruppe von Frauen demonstriert für ihre Rechte in Kabul
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Wali Sabawoon
Nach der Machtübernahme der Taliban waren 2021 noch Frauen auf die Straße gegangen. Sie hatten für ihre Rechte demonstriert. Solch ein Protest ist längst viel zu gefährlich.

Zu den vielen Ein- und Beschränkungen für Mädchen und Frauen gilt auch, dass Frauen nicht alleine verreisen dürfen. Am Flughafen in Kabul würden Frauen immer wieder daran gehindert, allein internationale Flüge anzutreten, so Peter Hornung. Weil kein naher männlicher Familienangehöriger auf sie aufpasse – über sie "wache".

Für Frauenrechte öffentlich zu protestieren, sei zu gefährlich, so unser Korrespondent. Es gäbe Aktionen, aber das seien mittlerweile eher Flashmobs als Demonstrationen. "Das sind Hilferufe", sagt Peter Hornung. Damit wollten die Frauen zeigen, dass sie noch da sind. "Aber die Verzweiflung nimmt zu, weil sich einfach nichts ändert. Es wird von Tag zu Tag und von Woche zu Woche schlimmer."

  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartner:  Peter Hornung, Korrespondent für Südasien