Wir können uns alles detailliert vorstellen, und dann kommt es genauso. Scheinbar: Unsere Wahrnehmung lässt sich durch die Macht der Erwartung ganz schön austricksen.

Es ist ein bisschen so wie mit dem Vorspann unserer Lieblingsserie, schon nach den ersten Bildern und Takten wissen wir, wie es weitergeht und müssen eigentlich gar nicht mehr hinschauen, was tatsächlich passiert. Das übernimmt unser Gehirn für uns.

Der Psychologe Thomas Schmidt von der Technischen Universität Kaiserslautern forscht zu dieser Beeinflussung unserer Erwartung: "Einzelne Zellen im visuellen System codieren, ob wir es mit typischen Wahrnehmungen zu tun haben, die sehr häufig auftreten. Dann trifft die aktuelle Wahrnehmung auf diese Erwartungsstruktur." Das kognitive System entscheidet dann, ist es etwas Neues oder das Bekannte.

Zaubertricks und verdrehte Zeugenaussagen

Wir manipulieren ein Stück weit unsere Wahrnehmung durch unsere Erwartung. Oder lassen sie manipulieren. Nicht zuletzt funktionieren so Zaubertricks, Illusionen oder der Placebo-Effekt. Immun dagegen ist im Prinzip niemand. Zwar gelten Kinder als besonders leicht zu beeinflussen. Aber es kann jeden treffen: Egal welches Geschlecht, Alter oder Bildung.

"Die Erwartungen von Lehrern, ob Schüler gut sind im Unterricht, die können dazu führen, dass Schüler besser oder schlechter sind."
Thomas Schmidt, Psychologe an der TU Kaiserslautern

Besonders viel Trickserei ist für diese verfehlte Wahrnehmung gar nicht nötig. So spürten Männer in einer Studie der Universität Würzburg Schmerzen stärker, bloß weil man ihnen gesagt hat, dass sie schmerzempfindlicher seien als die weiblichen Studienteilnehmer. Schwierig wird dieses Phänomen etwa, wenn es um den Umgang mit Zeugenaussagen geht. Irgendwann erinnern diese sich glaubwürdig an Dinge, die gar nicht da waren.

"Die Forschung hat überzeugend gezeigt, dass sich auch das Gedächtnis der Versuchspersonen beeinflussen lässt. Dass sich die Erinnerung verzerrt, sodass sie von der ursprünglichen Erinnerung nicht mehr unterscheidbar ist."
Thomas Schmidt, Psychologe an der TU Kaiserslautern

Am Ende ist es wie mit dem Zaubertrick, bei dem Kaninchen, Ball oder Spielkarte wegzaubert wird. Und der Zuschauer grübelt und grübelt, wie das nur sein kann. Vielleicht aber waren diese Dinge nie da. Ein Versuch der Uni Oxford zeigt, wie Leute wirklich anfangen Dinge zu sehen, die gar nicht da sind. Dafür wurde 420 Probanden fünf Mal ein Zaubertrick vorgeführt, bei dem ein kleiner roter Ball verschwindet – nur dass es bei einem Durchlauf gar keinen Ball gab. 32% der Probanden haben aber trotzdem angegeben ihn gesehen zu haben.