Kriminelle begehen Verbrechen, Kommissare klären diese auf - so die Idealvorstellung. Bei TV-Kommissaren im 'Tatort' läuft das etwas anders: sie begehen durchschnittlich drei Straftaten pro Folge.  

"Wir gehen da jetzt rein!" Immer wenn die Dramatik im Tatort am größten ist, pfeift einer der Tatort-Kommissare auf das Gesetz. So scheint es zumindest. Medienrechtler Tobias Gostomzyk hat die Serie gelegentlich geschaut und wollte genauer wissen, wie es um die kleineren und größere Straftaten der Krimi-Kommissare bestellt ist. Daraus hat er ein Forschungsprojekt gemacht. 

"Das kennt jeder: Die Tür ist nur angelehnt, der Kommissar geht rein und guckt, weil er es einfach kann. In Wirklichkeit wäre das aber so, dass das ohne einen richterlichen Beschluss nicht geht - es sei denn es ist gerade Gefahr in Verzug."
Tobias Gostomzyk, Medienrechtler

Studierende ermitteln gegen TV-Kommissare

Gemeinsam mit empirischen Sozialforschern, vier Jura- und vier Journalistik-Studierenden hat Medienrechtler Tobias Gostomzyk untersucht, wie stark die TV-Ermittler sich an geltendes Recht halten. Verschiedene Kriterien wurden dabei ausgewertet: 

  • Welche Rechtsverstöße gibt es?
  • Tragen sie zum Ermittlungserfolg bei?
  • Werden Rechtsverstöße sanktioniert?
  • Wer sind die typischen Täter, wer sind die typischen Opfer?
  • Wie werden die Kommissare dargestellt?

Das Sammeln der Daten erfolgte beim Ansehen von einzelnen Tatort-Folgen. Dafür wurden Studierende als sogenannte Codierer eingesetzt. Während sie sich Episoden ansahen, führten sie Strichlisten zu den einzelnen Punkten. 34 Tatort-Folgen aus dem Jahr 2015 haben sich die Codierer für die Studie angesehen. 

"Wenn man die Til-Schweiger-Tatorte angucken würde, die jenseits von gut und böse sind, da wird man die meisten Rechtsverstöße feststellen können. "
Tobias Gostomzyk, Medienrechtler

Untersucht wurde außerdem, in welcher Art die Kommissare das geltende Recht brachen. Ob es sich dabei handelte, um: 

  • Verfahrensverstöße (zum Beispiel, ohne Schutzkleidung am Tatort)
  • Verbotene Ermittlungsmethoden
  • Unzulässige Durchsuchungen
  • Hausfriedensbrüche und Verkehrsdelikte

Häufigster Grund für die Rechtsbrüche im Tatort

Mit 72 Prozent ist der Wunsch der Kommissare, die Ermittlungen zu beschleunigen und zu einem erfolgreichen Ende zu bringen, der häufigste Grund für strafrechtliche Vergehen. Erfolg haben die Kommissare mit dieser Strategie aber tatsächlich nur in acht Prozent der Fälle. 

Im Vergleich dazu brechen Ermittler nur in sieben Prozent der Fälle das Gesetz, weil sie eine andere Auffassung davon haben, was Gerechtigkeit bedeutet. Gesetzbrüche im Tatort sind aber auch halb so wild, meist bleiben sie ohne Folgen: Nur acht Prozent rechtlichen Verstöße durch die Tatort-Kommissare wird überhaupt geahndet.

Der CSI-Effekt

Das Projekt dauerte ein Jahr lang und ist ein Baustein einer Reihe von Untersuchungen. Die gesammelten Daten fließen mit anderen Teilprojekten in einer Studie zum Thema Rechtskommunikation ein. 

Dass Krimiserien einen Einfluss auf unser Rechtsverständnis haben können, zeigten Studien Mitte der 1990ern in den USA. Dort zeigte sich, dass Geschworene ihre Erwartungen an das Rechtssystem auf ihr Wissen aus TV-Serien stützte. 

"Der Tatort ist eines der letzte TV-Lagerfeuer und wird von vielen Leuten gesehen.Und eignet sich besonders gut, wenn man herausfinden will, welches Bild von Recht und Justiz ist in der Bevölkerung vorhanden."
Tobias Gostomzyk, Medienrechtler