Marie war 15, als ein Lehrer ihr sexuell immer näher kam. Als alles aufflog, bekam sie keinen Schutz, sondern wurde unter Druck gesetzt. Maries Geschichte ist kein Einzelfall. Warum sind Schulen so überfordert, wenn es um sexualisierte Gewalt geht?
Es ist Sommer 2004. Marie (Name von der Redaktion geändert) lebt in einer Kleinstadt in NRW. Zu Hause läuft es nicht gut: Ihre Mutter trinkt, zum Vater hat sie kaum Kontakt. In der Schule gibt es aber einen Lehrer, der ihr Unterstützung anbietet. Es ist der Vertrauenslehrer.
Eines Tages schreibt er seine Handynummer in eines ihrer Schulhefte. Falls du mal Hilfe brauchst, sagt er. Marie und ihren Lehrer verbindet die Musik. Sie sehen sich regelmäßig in der Musik-AG, beim Gitarrenunterricht. Er bietet ihr Einzelstunden an.
Dann kippt die Situation. Marie sitzt allein im Raum und spielt Gitarre, als der Lehrer sich sehr nah zu ihr rüberbeugt.
"Als ich gemerkt habe, dass sein Gesicht ganz nah ist, habe ich mich total erschrocken, weil ich so ins Gitarrespielen vertieft war."
Bei diesem "Beinahe-Kuss", wie Marie ihn nennt, bleibt es nicht. Der Lehrer, Mitte vierzig, schickt der 15-Jährigen private Nachrichten, fragt nach sexuellen Vorlieben, will ihre erogenen Zonen wissen, erzählt ihr von seinen eigenen Fantasien. Später legt er seine Hand auf ihren Oberschenkel.
Das System schützt den Lehrer
Zwei Freundinnen entdecken die Nachrichten des Lehrers auf Maries Handy. Sie gehen zur Schulleitung. Marie wird zum Gespräch gerufen. Der Lehrer streitet alles ab, und die Schulleitung glaubt ihm. Marie spielt mit.
"Ich hatte Angst, ihn zu verraten. Ich hatte Angst, er könnte meinetwegen seinen Job verlieren."
Danach steht sie allein da. Weder Familie noch Freundeskreis noch Schule bieten ihr Halt. Bis sie irgendwann in der Schule zusammenbricht. Eine Lehrerin kümmert sich um sie. Endlich vertraut sich Marie jemandem an.
Die Lehrerin glaubt Marie. Und sie setzt sich dafür ein, dass Marie geglaubt wird. Doch es dauert. Erst zwei Jahre später, als Marie 17 ist, kommt es zu einem Disziplinarverfahren. Der Lehrer muss die Schule verlassen, er wird aber nur versetzt. Er unterrichtet bis heute.
Keine offiziellen Zahlen, aber viele persönliche Geschichten
Lange dachte Marie, ihre Geschichte sei ein Einzelfall. Doch Recherchen zeigen: Das Problem ist weiter verbreitet.
"Mein Eindruck aus vielen Gesprächen ist: Es ist viel weiter verbreitet, als man denkt. Fast jeder kennt so eine Geschichte aus der Schule von irgendeinem Lehrer."
So beschreibt es die Journalistin Taiina Grünzig, die gemeinsam mit Britta Rotsch zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch recherchiert hat. Daraus entstand der fünfteilige Podcast "Die Lieblingsschülerin", in dem auch Marie ihre Geschichte erzählt. Viele weitere Frauen berichten dort von ähnlichen Erfahrungen aus ihrer Schulzeit.
Fehlendes Fachwissen, keine einheitlichen Regelungen
Bundesweite Regelungen, wie Schulen und Behörden mit Verdachtsfällen umgehen sollen, gibt es nicht, erklärt Taiina Grünzig. Das liege auch daran, dass Bildung in Deutschland Ländersache ist. Doch auch auf Landesebene fehlen oft klare Vorgaben. Selbst verpflichtende Schulungen für Lehrkräfte gibt es nicht.
Als einzige Ausnahme nennt Taiina Grünzig Bremen: Dort gibt es seit 2020 eine Dienstanweisung zum Verbot der sexuellen Belästigung gegenüber Schüler*innen. So haben Schüler*innen und andere Lehrkräfte eine Handhabe, missbräuchliches, sexualisiertes und grenzüberschreitendes Verhalten anzuklagen.
"Lehrkräfte werden nicht genug darüber aufgeklärt, dass solche Fälle passieren und wie sie reagieren können."
Inzwischen haben jedoch viele Schulen Schutzkonzepte. Wird ein Fall gemeldet, erklärt die Journalistin, kann es zu einem Disziplinarverfahren kommen, der härtesten Konsequenz des Systems. Doch ob und wie es dazu kommt, hänge stark von einzelnen Schulleitungen und Behörden ab. "Manchmal wird es unter der Hand geregelt. Der Lehrer wechselt freiwillig die Schule, ein Verfahren gibt es nicht", so die Journalistin.
In Gesprächen mit Schulleitungen hat Taiina Grünzig mehrere Gründe identifiziert, warum Schulen oft defensiv reagieren:
- fehlende Vorbereitung auf solche Fälle
- keine verpflichtenden Fortbildungen
- Identifikation mit der beschuldigten Lehrkraft
- Angst vor falschen Anschuldigungen
- Ungläubigkeit, weil "der Kollege doch so nett ist“
Ein erschwerender Faktor ist zudem der Beamtenstatus, so Taiina Grünzigs Schlussfolgerung aus der Recherche. Denn selbst wenn eine Schulleitung den Lehrer nicht an ihrer Schule haben will, muss er, weil er verbeamtet ist, dennoch weiterbeschäftigt werden.
"Viele Betroffene wünschen sich auch Jahre später eine Aufarbeitung. Behörden und Schulen blockieren das oft, für sie ist der Fall einfach abgeschlossen."
Marie ist heute Mitte dreißig. Sie ist erfolgreich im Job, reist viel. Den Übergriff des Lehrers und das Fallengelassenwerden durch die Schule hat sie in einer Therapie aufgearbeitet. Es geht ihr gut, sagt sie. Aber sie sagt auch: "Komplette Heilung gibt es nicht. Das wird mich mein Leben lang begleiten."
Was sie bis heute beschäftigt, ist, dass ihr zunächst niemand geglaubt hat und dass das System heute noch immer ähnlich funktioniert wie vor 20 Jahren. Deshalb appelliert sie an Betroffene: "Du hast keine Schuld daran. Oft ist es einfach so, dass die Unterstützung nicht da ist, die man bekommen sollte."
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