Wer im Job richtig durchstarten will, muss voll reinhauen. Stunden kloppen ohne Ende – nur dann geht es auf der Karriereleiter nach oben. Ist das so? Oft leider ja. Aber Katy Roewer zeigt, dass man auch mit weniger Stunden erfolgreich sein kann. Sie arbeitet bei Otto im Vorstand. Nicht Vollzeit, sondern mit 80 Prozent. Und das klappt.

Wer im gehobenen Management in einer Führungsposition arbeiten will, muss in der Regel bereit sein, viel zu arbeiten. Das heißt: sein komplettes Leben – insbesondere Privatleben – dem Job unterzuordnen. Früh anfangen, viele Meetings, im Büro bis spät abends und am nächsten Tag dann wieder von vorne. Muss das sein? Wollen wir das?

Bei Umfragen kommt immer wieder heraus, dass die Menschen sich eigentlich wünschen, weniger zu arbeiten. Vor allem: kürzer zu arbeiten. Irgendwann geht es auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zwar wollen wir uns nach dem Studium oder einer Ausbildung im Job selbst verwirklichen, wir wollen aber auch Zeit mit unseren Partnern und den Kindern verbringen.

Zu wenig Zeit für Privatleben und Job

Katy Roewer hatte denselben Konflikt. Beim Unternehmen Otto war sie erfolgreich im höheren Management und dann kam das Kind. Sie merkte, sie kann beiden Welten – der privaten und der beruflichen – nicht mehr gerecht werden. Es fehlt die Zeit.

Problem: Anspruch auf Perfektion

Katy Roewer ging ganz offen damit um, auf 80 Prozent reduzieren zu wollen, und stieß weder auf Ablehnung noch Vorbehalte. Im Job habe es keine Widerstände gegeben, sagt sie. Widerstände seien eher in ihrem Kopf gewesen. Vor allem an ihrem Anspruch auf Perfektion musste sie arbeiten.

"Ich hatte den Anspruch, eine perfekte Mutter und ein perfektes Vorstandsmitglied zu sein. Es war ein Schritt, zu erkennen, dass man sich davon verabschieden muss."

Katy Roewer hat erkannt, dass sie in beiden Welten – der beruflichen und der privaten – nicht perfekt sein muss. Im Job hat sie sich angewöhnt, mehr zu delegieren und Verantwortung abzugeben. Im Privaten sagt sie, muss man damit klarkommen, dass man nicht bei jedem Bastelnachmittag in der Kita dabei ist. Und: Man müsse dann auch mit den Reaktionen des Umfeldes umgehen.

Weniger Verantwortung – mehr Freiräume

Für die Vorstandsfrau bei Otto sind es rückblickend einfach zwei verschiedene Lebensabschnitte. Damals nach dem Studium hat sie Vollzeit gearbeitet und sich um ihre Karriere gekümmert. Als Mutter hat sie die Stundenzahl etwas runtergefahren, um Beruf und Privatleben gleichermaßen gerecht zu werden.

Anders als in anderen Berufen, zählt sie aber nicht ihre Stunden pro Woche zusammen. "Nur noch" 80 Prozent zu arbeiten, bedeutet für sie, dass sie sich jetzt konsequent Freiräume nimmt. Und da sei sie sehr diszipliniert.

"Ich nehme mir Zeiten, in denen ich mich zu hundert Prozent anderen Dingen, wie dem Kind, widme. Rein rechnerisch bleiben dann 80 Prozent für das Unternehmen Otto übrig.

Katy Roewer fasst es für sich in der Formel zusammen, dass Teilzeit für sie bedeutet, dass sie berufliche Verantwortung gegen private Freiräume eingetauscht hat.

Offen über Erwartungshaltung reden

Das funktioniert bestimmt nicht bei jedem Arbeitnehmer und in jedem Arbeitsverhältnis so. Katy Roewer sagt auch: Mit Teilzeit löst man nicht alle Themen, die man gerade bei sich hat. 20 Prozent mehr seien eben auch nur 20 Prozent mehr. Der Alltag müsse nach wie vor organisiert werden.

Als Tipp kann sie anderen mitgeben, dass es für sie sehr hilfreich war, offen mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Vorgesetzten zu sprechen. Vor allem über Erwartungshaltungen, sagt sie. In vielen Gesprächen habe sie ihre eigene Erwartungshaltung an die Situation in Teilzeit besprochen, aber auch erfragt, was die Erwartungshaltung an sie ist. Das habe für viel Klarheit gesorgt und wenig Raum für Missverständnisse gelassen, so Katy Roewer.