Heute gibt es nur noch knapp tausend Tenharim-Krieger, früher waren es rund 10.000. Die moderne Zivilisation zerstört den Lebensraum des indigenen Volkes, das sich dagegen wehrt.

Der Lebensraum der Tenharim ist bedroht, den die Abholung im Amazonas schreitet ungebremst voran: Ein Fünftel des Amazonaswaldes ist bereits verschwunden – eine Fläche die rund zweimal so groß ist wie Deutschland. Die Steigerungsraten bei der Abholzung liegen mal bei 20, mal bei 40 oder sogar bei 50 Prozent. Dadurch wird der Lebensraum der Tenharim immer kleiner.

"Ich habe oft gesehen, wie der Wald brannte. Das sind Brandrodungen, die stattfinden."
Thomas Fischermann, Autor von "Der letzte Herr des Waldes"

Wie die Abholzung voranschreitet, hat der Journalist und Buchautor Thomas Fischermann vor Ort selbst beobachtet. Über vier Jahre lang hat er das uralte indigene Volk der Tenharim begleitet, bei ihnen gewohnt, ihr Essen gegessen, ihre Sitten und Eigenarten kennengelernt. 

Tag um Tag verschwindet Wald für Rinderweiden oder Futteranbau. Die Tenharin sind traurig und wütend über die Zerstörung des Waldes, sagt Thomas Fischermann. Sie kämpfen und verteidigen ihren Wald, "aber sie wissen, dass ihr Wald letztlich schrumpft". 

"Die Tenharim leiden mit den Tieren, das geht ihnen wirklich zu Herzen. Sie denken darüber nach, was mit den Tieren passiert, die jetzt kein Zuhause mehr haben."
Thomas Fischermann, Autor von "Der letzte Herr des Waldes"

Zwischen den Tenharin und den weißen Siedlern kommt es so zu blutigen Auseinandersetzungen, über die brasilianischen Medien berichten. So ist Thomas Fischermann erst auf das Volk aufmerksam geworden. Holzfäller und Indigene stehen sich dann gegenüber. Die Holzfäller hätten riesige Angst vor den Tenharin, deshalb würden sie sie einfach "abknallen", wenn sie sehen, berichtet der Journalist. Andersherum gibt es für die Tenharin eine rote Linie. Wer die überschreitet, muss damit rechnen mit Pfeil beschossen zu werden.

Für die Tenharin verschwindet mehr als nur ein Wald, er ist die Quelle ihrer Nahrung und ihrer Identität, beschreibt Thomas Fischermann die Bedeutung des Waldes für die Tenharin.

Traditionsreiches Kriegervolk

Die Tenharim sind ein traditionsreiches, jahrtausendealtes Kriegervolk. Ihre Kultur ist sehr darauf spezialisiert, Krieg zu führen. Mit Pfeil und Bogen erlegen sie ihr Essen. Und wer früher in ihr Gebiet eingedrungen ist, musste sich auf kämpferische Auseinandersetzungen gefasst machen. 

"Fast alles, was sie in ihrer Kultur haben, sogar der Gesang und das Kunsthandwerk sind darauf ausgerichtet, zu überleben und Krieg gegen andere zu führen."
Thomas Fischermann, Journalist und Buchautor

Dass man die Tenharim heute noch im Teil des Waldes im südlichen Amazonasgebiet antrifft, indem sie schon seit Jahrhunderten angesiedelt sind, liegt möglicherweise daran, dass sie gute Waffen haben und exzellente Krieger und Jäger sind. Denn viele andere Völker aus dieser Region sind inzwischen ausgestorben. 

"Ihre Waffen sind sehr gut, und deswegen haben sie dort vielleicht auch so lange überlebt."
Thomas Fischermann, Journalist und Buchautor
Tenharim-Krieger
© Thomas Fischermann

Der Lebensraum der Tenharim ist aber bedroht. Der Wald um sie herum wird gerodet. Dadurch nimmt man ihnen die Grundlage zum Leben. Mit ein Grund dafür, dass es immer weniger Tenharim gibt. Wer noch vor ein paar Jahrzehnten in ihr Gebiet eindrang, musste damit rechnen, entführt oder ermordet zu werden. Eindringlinge töteten sie entweder mit Pfeil und Bogen oder streckten sie mit einer Art überdimensionalem Baseballschläger nieder. 

Die Tenharim waren sehr gefürchtet

Erst seit den 1940er Jahren haben sie Kontakt zu Händlern, die durch ihr Gegend gekommen sind. Ab den 1960er Jahren wurde eine lange Durchfahrtsstraße durch das Gebiet der Tenharim gebaut. Die Tenharim waren damals gegen den Bau, inzwischen lebt aber ein großer Teil des Volkes entlang dieser Straße und betreibt intensiven Handel. 

"Bis heute gelten sie als ein Stamm furchterregender Menschenfresser, obwohl das lange her ist. Heute ist es eher anders herum: Die Tenharim sind heute bedroht und dezimiert."
Thomas Fischermann, Journalist und Buchautor

Die meisten Tenharim-Krieger haben sich ein Stück weit mit der modernen Zivilisation arrangiert. Sie tragen Fußballtrikots, wissen was ein Handy, ein Fernseher und was Geld ist. 

Nur eine kleine Gruppe von vierzig Tenharim, die tiefer im Urwald lebt und ohne Bekleidung auskommt, will nicht von anderen Völkern kontaktiert werden. Auch Menschen ihres eigenen Stammes, die Kontakt zur Zivilisation haben und beispielsweise Hosen tragen, lehnen sie strickt ab und bekämpfen sie sogar. 

Nur wenn diese kleine Gruppe Nachwuchsprobleme hat, kommen sie ins Gebiet ihrer zivilisatorisch aufgeschlosseneren Gruppe ihres Stammes und entführen dann deren Kinder.  

"Viele haben Handys, aber keinen Handyempfang."
Thomas Fischermann, Journalist und Buchautor
Zwei Tenharim-Krieger.
© Thomas Fischermann

Viele Tenharim besitzen inzwischen auch Handys, die für sie aber eher eine Art Trophäe oder Statussymbol sind, da sie im Urwald gar keinen Handyempfang haben. Die alten Mobiltelefon werden genutzt, um bei der Jagd die Beute zu fotografieren und dienen als eine Art Fotospeicher. 

Sexting im Jungle

Insbesondere bei jungen Leuten hat der Journalist, der das Buch "Der letzte Herr des Waldes" geschrieben hat, beobachtet, dass sie sich auch gerne erotisch fotografieren. Diese Fotos tauschen sie dann mit potenziellen Beziehungspartnern über Bluetooth aus. 

"Nie zuvor hab ich so eine Verlangsamung erlebt."
Thomas Fischermann, Journalist und Buchautor

Thomas Fischermann erinnert sich gerne an seine Zeit im Amazonasgebiet. Die ihn ein "ganz tiefes inneres Ruhigsein" spüren lies. Hier in Deutschland denkt er insbesondere an diese Erfahrung zurück, wenn ihm der Alltag zu stressig wird. 

Vor der Abreise mit Hightech-Kram eingedeckt

Um sich auf seine Zeit im Urwald vorzubereiten, hat Thomas einen halben Outdoor-Store leer gekauft. Im Amazonasgebiet angekommen, hat er dann festgestellt, dass das Moskitonetz doch nicht so dicht ist, wie behauptet wurde und das man an vielen Stellen kein Spezialschuhwerk braucht und auch barfuß ganz gut vorankommt. 

Außerdem hatte er Lebensmittelvorräte dabei: Müsliriegel, Reissäcke, Tomatensoßen und Bohnen. Die erwiesen sich als ganz hilfreich, weil er sich lange davon ernähren und sie auch zum Tausch gegen Hühnerfleisch und ähnliches nutzen konnte.   

Tenharim-Krieger Mahlzeit im Wald.
© Thomas Fischermann
"Als ich den Affenarm sah verzog ich das Gesicht, versuchte mir aber nicht anmerken zu lassen, dass ich es ein bisschen widerlich fand. Sie haben es dann doch gemerkt. Das Problem ist nicht der Geschmack, sondern, dass es aussieht wie ein kleiner Mensch."
Thomas Fischermann, Journalist und Buchautor

Als Thomas einmal mit drei Jägern im Urwald unterwegs war, erlegten sie einen Affen und boten ihm ein Stück des gegrillten Arms an. Dadurch, dass die Affen oft mit Parasiten befallen sind, muss das Fleisch extrem lang gegrillt werden. Die Tenharim konnten ihm ansehen, dass er das Fleisch unappetitlich fand.

Ökologische Lektion vom letzten Herrn des Waldes

Die Jäger erklärten ihm daraufhin, dass sie nicht mehr Fleisch erbeuten durften, als sie verzehren konnten, um nichts übrig zu lassen. Aus diesem Grund und weil es zu viel Zeit kosten würde ein Wildschwein auszuweiden, aufzuhängen und zu räuchern, sei es eine bessere Wahl stattdessen einen Affen zu erlegen. Fischermann findet, dass ein Affenarm vom Grill ungefähr so schmeckt, wie: "wenn man die Mitte von einem Burger nimmt und den noch mal zwei Stunden auf den Grill legt - dann ist das ungefähr wie Affenarm. Sehr zäh und relativ geschmacksfrei".

"Das Wissen über unsere Kultur dürfen wir nicht verlieren, sonst werden wir ausgelöscht."
Madarejuwa, ein Tenharim-Krieger der Thomas Fischermann zur Seite gestellt wurde.

Madarejuwa ist ein 22-jähriger Tenharim-Krieger, der Thomas Fischermann als Waldführer vom Häuptling des Stammes zugewiesen wurde. Die erste Begegnung mit dem Indigenen fand der Journalist etwas enttäuschend, weil der so gar nicht seine Vorstellungen von einem Krieger entsprach. 

Mit dem Waldführer im Urwald unterwegs

An diesem Tag hatte der junge Mann eine Basecap auf und schraubte am Straßenrand an einem Motorroller herum. Als die beiden dann mit dem Boot auf Jagd gingen, stand Madarejuwa mit der typischen Körperbemalung und dem Federschmuck vor ihm. Nicht um Thomas zu beeindrucken, sondern, weil es einfach dazugehört. Er war wachsam, mit der Natur verbunden und erklärte dem Journalisten seine Welt. Zeigte ihm Dinge, die wir als Europäer von uns aus gar nicht wahrnehmen, weil unsere Sinne nicht so geschult sind.

Das Buch, das nach der Zeit mit den Tenharim entstanden ist, ist eine Gemeinschaftsproduktion. Es erzählt Madarejuwa persönliche Geschichte und erklärt, warum er im Urwald bei seinem Stamm bleiben möchte, obwohl er regelmäßig mit der modernen Zivilisation in Kontakt kommt.

Das Buch: 

"Der letzte Herr des Waldes - Ein Indianerkrieger aus dem Amazonas erzählt vom Kampf gegen die Zerstörung seiner Heimat und von den Geistern des Urwalds",  Madarejúwa Tenharim / Thomas, Fischermann (Autor), Verlag C.H.Beck, Erscheinungsdatum 25.05.2018, 19,95 EUR, Seiten 205

Tenharim-Krieger wartet auf Fische in einem Wasserfall.
© Thomas Fischermann