Wie sind die Attentäter von Paris vorgegangen? Und wie eng war ihr Kontakt zum Islamischen Staat wirklich? Diese und weitere Fragen erklärt ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt.

Die Strategie der Terroristen von Paris sei die Willkür, sagt ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt im Interview mit DRadio Wissen. Die Terroristen hätten dabei zwei Ziele:

  • Ungläubige töten
  • eine Schockwirkung, weil sie bei ihren Taten völlig unberechenbar vorgehen
"Terrorismus lebt von dem Maß an Unsicherheit und Aufmerksamkeit, das durch die Taten hervorgerufen wird. Das ist die Triebfeder der Terroristen, so zu handeln."
Holger Schmidt über den Sinn und Zweck von Terrorismus

Wie sind die Attentäter vorgegangen?

Vermutlich sind die Terroristen in Paris vernetzt vorgegangen, allein schon weil alles zeitgleich losgegangen sei. "Das ist eine Idee, die Al Qaida und andere Terrororganisationen formuliert haben, bevor es den Islamischen Staat gab", sagt Holger Schmidt. Ob bei den Anschlägen in Paris Spotter beteiligt gewesen seien, also Personen, die den Terroristen Hinweise gegeben hätten, wohin sie zielen sollten, fällt für Holger Schmidt in den Bereich der Spekulation. "Da wäre ich sehr sehr vorsichtig. Im Augenblick wissen wir, welche Attentäter sich im Laufe der Anschläge selbst getötet haben, beziehungsweise von der Polizei getötet worden sind. Es gibt einen Flüchtigen und möglicherweise ein bis zwei Personen, die mit dem Flüchtigen unterwegs sind. Alles andere ist Spekulation", sagt Holger Schmidt. Für alle Attentäter gelte: Wer bereit ist, an so einem Anschlag teilzunehmen, ist auch bereit, dafür sein Leben zu geben.

"Was wir von der normalen Kriminalität kennen, dass sich der Kriminelle Erfolg wünscht, aber selbst entkommen will, das ist dem islamistischen Terroristen egal. Der weiß, wenn er bei einer erfolgreichen Operation sterben wird, wird ihm das im Paradies große Vorteile bringen."
Holger Schmidt über islamistische Terroristen

Was wir bis jetzt wissen:

  • unter den Tätern waren französische Staatsbürger
  • ein Teil davon hat in Belgien gelebt
  • es gibt Gerüchte, dass ein Ägypter unter den Attentätern gewesen ist
  • es wurde ein ominöser syrischer Pass gefunden, bei dem nicht sicher ist, ob er gefälscht ist oder nicht

Ob die Täter wirklich zum IS gehören, sei nicht ganz sicher, sagt Holger Schmidt. "Es gibt eine Bekennernachricht im Netz, die sich auf den Islamischen Staat bezieht. Vollkommen gesichert ist das nicht. Denn ein Bekennerschreiben, in dem sich der IS konkret auf die Attentäter bezieht, gibt es - noch - nicht", erklärt Holger Schmidt.

Wie eng war der Kontakt zwischen IS und den Attentätern?

Die große Frage: Wie eng war der Kontakt zwischen den Attentätern und IS wirklich? In der Anfangszeit des islamistischen Terrorismus um den 11. September herum habe Al Kaida solche Angriffe von der unmittelbaren Führungsriege von Osama bin Laden aus zentral gesteuert. Allerdings hätten die Terroristen schnell gemerkt, dass die Führungsriege sich damit schnell angreifbar mache, weil sie über Satellitentelefon und Boten kommunizieren musste, erklärt Holger Schmidt

Darum seien islamistische Terroristen seit längerem dazu übergegangen, nur noch ihre Ideen für Anschläge zu kommunizieren. "Sie legen aber keinen Wert darauf, dass die Attentäter sich bei der Zentrale melden, weil sie sich damit angreifbar machen", sagt Holger Schmidt.

Wie haben sich die Attentäter vorbereitet?

Holger Schmidt geht davon aus, dass die Terroristen, die bereit waren, so viele Menschen zu töten, vorher eine Ausbildung machen, geschult werden oder einer Gehirnwäsche unterzogen werden. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man unvorbereitete Leute dazu bringen kann, in dieser Art und Weise zu morden und sich selbst in die Luft zu sprengen."

Wer sind die Drahtzieher der Anschläge?

Als Drahtzieher hinter den Anschlägen von Paris werde zurzeit der belgische Terrorist Abdelhamid Abaaoud gehandelt, sagt Holger Schmidt. Klar sei wohl, dass Abaaoud einige der Attentäter kannte. Er werde zurzeit in Syrien vermutet. "Das könnte zu den Meldungen passen, dass es eine verschlüsselte Kommunikation zwischen den Menschen in Syrien und den Attentätern gegeben habe."