Einen Tag vor den Pariser Anschlägen töteten zwei Selbstmordattentäter in Beirut im Libanon 40 Menschen. Aber angeblich hat das niemanden in den Medien oder im Netz interessiert. Stimmt aber gar nicht.

Der Vorwurf rauschte durch die Timelines bei Facebook und bei Twitter: Die Solidarität mit den Menschen in Paris sei wunderbar, aber warum interessieren wir uns nicht für die ebenso hart getroffenen Menschen in Beirut? Angeblich hätte kein Medium darüber berichtet; wenn irgendwo jenseits von Zentraleuropa Menschen sterben, interessiere das niemanden mehr. Der Tweet von JackjonesTV zum Beispiel wurde mehr als 55.000 mal geteilt.

Es herrscht also große Aufregung im Netz - die allerdings kräftig übertrieben ist. Der amerikanische Journalist Martin Belam hat recherchiert und ist zu dem Ergebnis gekommen: 1286 englischsprachige Artikel haben sich mit dem Anschlag in Beirut beschäftigt. Martin Belam sagt, er wolle nicht abstreiten, dass man über die Proportionen der Berichterstattung über Paris und Beirut debattieren kann, aber zu sagen, dass die Medien nicht drüber berichten, sei eine Lüge.

"Ich habe die Recherche von Martin Belam für den deutschsprachigen Raum wiederholt und bin für den Zeitraum um diesen Anschlag, der sich kurz vor Paris ereignete, auf knapp 500 Artikel gekommen."

Die Artikel über Beirut wurden also geschrieben. Das Problem: Sie werden nicht gelesen. Jedenfalls nicht so häufig wie die Artikel über die Pariser Anschläge. Eine solche Erfahrung hat der Journalist Max Fischer gemacht, der hatte im April über eine Bomben-Attacke in Bagdad geschrieben, bei der 85 Menschen getötet wurden. Er wollte, dass die Menschen sich für seinen Text interessieren, hat dafür gesorgt, dass er auf dem Onlinemagazin Vox prominent platziert wurde. Sein bitteres Fazit: Wenn die Opfer keine Christen sind oder Kinder sei es schwer, Leser dazu zu bringen, sich für Bombenattentate außerhalb der westlichen Welt zu interessieren.

Allzu menschliche Verhaltensweisen

Der jetzige Shitstorm gegen Medien überrascht Max Fischer nicht. Er erklärt das mit einer allzu menschlichen Verhaltensweise: Wir erkenne instinktiv, dass wir uns zum Beisiel zu wenig interessieren für Bombenattentate außerhalb unseres eigenen Kulturkreises. Dann bietet uns jemand den Beweis dafür in Form eines Tweets, der sagt, die Medien würden darüber ja auch nicht berichten - und schon hat man einen viralen Erfolg im Netz.

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