Die Männer saufen, schlagen Frauen und Kinder, viele fahren sich tot. Das Dorfleben ist am Ende. Jetzt haben die Mädchen des Dorfes ihr Schicksal und das ihres Ortes selbst in die Hand genommen. 

Der Tagesablauf eines indischen Mädchens sieht gewöhnlich so aus: Es geht zur Schule, kommt nach Hause, arbeitet im Haus, kocht oder putzt, kümmert sich um die Geschwister, macht Hausaufgaben und geht ins Bett. Denn klar ist: Frauen haben sich dem Mann unterzuordnen. Missbrauch und Vergewaltigung sind häufig, Mädchen sterben an Vernachlässigung, weil sie weniger gelten als Jungen. 

Thennamadevi - am Ende der Welt

Thennamadevi ist von außen ein ganz gewöhnliches Dorf, erzählt unsere Korrespondentin Silke Diettrich. Es ist ziemlich von der Außenwelt abgeschnitten - Silke ist extra für uns dorthin gefahren. Die Infrastruktur ist miserabel. 

Was das Dorf so besonders macht: Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren haben sich zusammengetan und über ihre Probleme gesprochen - die gleichzeitig die Probleme des gesamten Dorfes sind. Und sie kümmern sich um Lösungen. Etwas, das es vorher nie gegeben hat. 

"Alkohol ist ein ziemlich heftiges Problem in der Gegend."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Indien

Der Klub der Mädchen sorgt dafür, dass das Dorf nicht vor die Hunde geht. Denn Thennamadevi hat ein ein großes Problem: Prozentual ist es der Ort mit den meisten Witwen in Indien. Viele Männer sind ums Leben gekommen, weil sie betrunken Unfälle gebaut haben oder sich zu Tode gesoffen haben. Die meisten haben mit dem Trinken angefangen, weil sie ihren Job verloren haben. Sobald sie etwas verdienen, geben sie das Geld für Alkohol aus, oder sie wenden sich an ihre Familie, um ihre Sucht zu finanzieren. Abends lungern die Männer auf der Straße herum und belästigen Mädchen, die von der Schule kommen. Und auch zu Hause leiden die Mädchen darunter, wenn der Vater betrunken ist. Häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung. 

Aufklärung und Infrastruktur

Anfangs haben sich die Mädchen des Ortes an staatliche Hilfsorganisationen gewandt und irgendwann die Sache selbst in die Hand genommen. Ein erster Schritt: Sie haben sich um Straßenlaternen gekümmert, weil sonst ab 18 Uhr im Dorf buchstäblich die Lichter ausgehen.

Außerdem haben sie dafür gesorgt, dass eine Bibliothek eingerichtet wurde. Das nächste große Projekt ist schon geplant: Die Mädchen wollen dafür sorgen, dass ihr Dorf ans Busnetz angeschlossen wird. Kurz: Was für Menschen, die in der Stadt aufgewachsen sind, selbstverständlich klingt, ist für die Mädchen aus Thennamadevi eine große Sache. 

"Das Wichtigste für die Mädchen war zu merken: Ich bin nicht nur gefangen in meiner Familie."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Indien

Bei den Treffen im Klub werden allerdings nicht nur logistische Probleme besprochen. Auch die eigene Sexualität ist ein großes Thema, das in Indien noch stark tabuisiert ist. Mit dem Rückhalt ihres Girls Clubs haben die Mädchen sich um Fördermittel für Binden gekümmert. Außerdem gehen sie in Schulklassen und erzählen, dass Kinderheirat illegal ist oder dass Mädchen nein sagen dürfen, wenn Verwandte sie intim anfassen.