Bei Panikstörungen oder Depressionen gehen wir eigentlich zu einem Psychotherapeuten. Durch den Coronavirus ist der direkte Kontakt in einer Praxis allerdings nicht mehr so einfach.Doch es gibt Lösungen.

Die Therapeutin Heike Kaiser Kehl bietet schon seit 15 Jahren Therapie am Telefon an. "Das halte ich absolut für eine gangbare Alternative". Bis vor Kurzem war es allerdings nicht erlaubt, solche Angebote Psychotherapie am Telefon zu nennen. Denn die Psychotherapie zeichnet sich nur einen Prozess aus, also aufeinanderfolgende Termine. Die Telefonberatung war nur als eine Einmalberatung gedacht.

Digitalisierung der Psychotherapie

Durch die Krise ändere sich das gerade ziemlich stark. "Aber auch sonst ist die Digitalisierung in der Psychotherapie weiter fortgeschritten", sagt Heike Kaiser Kehl. Eigentlich eignet sich diese Form für jeden, der eine professionelle Beratung haben möchte, meint sie.

"Aber es gibt Menschen, die aufgrund von Mobilitätseinschränkungen oder auch bestimmten Störungsbildern wie Angst- oder Zwangsstörungen, es leichter haben, über das Telefon zu arbeiten". Aber auch für Eltern kleiner Kinder biete es Vorteile, weil es für diese schwerer sei, die regelmäßigen Termine wahrzunehmen.

"Es hat zwei Seiten: Die einen Menschen brauchen diesen geborgenen Rahmen, in ein Büro zu kommen und den anderen zu sehen. Für andere ist die Hemmschwelle gesenkt, sich zu äußern."

Dass viele auf das persönliche Gespräch gemeinsam in einem Raum nicht verzichten wollen, diese Erfahrung hat Heike Kaiser Kehl nicht gemacht. Sie ist von der Arbeit am Telefon sehr überzeugt. "Das gibt ganz andere Möglichkeiten, sich zu konzentrieren."

Beratung ohne sozialen Kontext

Es sei interessant für sie, zu arbeiten, wenn andere sozialen Hinweise
wie Kleidung, Aussehen, Gesicht wegfallen. Dadurch ist es allerdings auch anstrengender, sagt sie, weil sie sich so stark auf die Gedanken und die Äußerungen konzentrieren muss.

"Die Tonlage, die Stimmlage im Gespräch geben ja ganz andere Hinweise wieder. Es gibt Untersuchungen, dass man die Emotionen besser hört, als sie sieht."
Heike Kaiser Kehl, Psychotherapeutin

Aus Fachkreisen hört sie, dass diese Digitalisierung immer wichtiger wird. Eine Bürgerhotline soll eingerichtet werden mit ehrenamtlichen Psychologen. "Es kann gut sein, dass Ängste und Sorgen jetzt ansteigen, und Gesprächsbedarf bei immer mehr Menschen da ist."

Angst und Gesprächsbedarf kommt erst noch

Bisher habe sich allerdings noch niemand spezielle wegen Ängsten rund um das Coronavirus bei ihr gemeldet. "Ich habe das auch nicht erwartet, weil ich glaube, dass wir Menschen, wenn wir ganz konkret mit einer Situation beschäftigt sind, diese erst mal bewältigen. Dass die Ängste etwas zeitverzögert kommen". Es wird aber kommen, sagt Heike Kaiser Kehl.