Die Lage in Tigray ist katastrophal: Sowohl die Volksbefreiungsfront Tigray als auch die äthiopische Armee denken weder an diplomatische Verhandlungen noch an aufgeben. Der Konflikt ist von extremer Brutalität gekennzeichnet. Korrespondentin Antje Diekhans berichtet über die zugespitzte Situation.

Vor fast genau einem Jahr, am 4. November 2020, setzte der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed zu einem Schlag gegen die Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) an. Heute sieht es so aus, als müsste er sich vielleicht geschlagen geben.

"Tatsächlich sieht es so aus, als ob Abiy Ahmed immer mehr mit dem Rücken zur Wand steht. Die TPLF scheint auf dem Weg in die Hauptstadt Addis Abeba zu sein."
Antje Diekhans, ARD-Korrespondentin in Nairobi

ARD-Korrespondentin Antje Diekhans berichtet von Nairobi aus über die Lage in Tigray, eine Region im Norden Äthiopiens. Die Volksbefreiungsfront Tigray bestimmte über drei Jahrzente lang die Politik, nicht nur in der Region, sondern in ganz Äthiopien. Bis Abiy Ahmed 2018 Ministerpräsident wurde. Er versuchte die Macht der Gruppe einzudämmen und sie nach Tigray zurückzudrängen. Die TPLF aber wollte diesen Machtverlust nicht akzeptieren.

Regierung ruft Ausnahmezustand aus

Es entwickelte sich ein politischer Machtkampf, der schließlich in einen bewaffneten umschlug: Die TPLF griff nach Darstellung der äthiopischen Regierung, Militärstützpunkte der äthiopischen Armee an, worauf diese dann im November 2020 einen Gegenangriff startete.

Ein Jahr später eskaliert der Konflikt immer weiter. Berichten zufolge sind die Rebellen der TPLF 400 Kilometer vor der Hauptstadt Addis Abeba. Die äthiopische Regierung hat nun den Ausnahmezustand ausgerufen. Das bedeutet vor allem auch, dass sie nun auch über 18-Jährige zum Militär rufen kann, erklärt unsere Korrespondentin.

"Die Volksbefreiungsfront hat inzwischen einige Alliierte, denn der Krieg hat sich schon lange auf andere Regionen Äthiopiens ausgebreitet. Sie werden unter anderem von den Oromo, der größten Volksgruppe des Landes, unterstützt."
Antje Diekhans, ARD-Korrespondentin in Nairobi

Für unsere Expertin sieht es so aus, als würde sich die äthiopische Regierung damit für eine Schluss-Offensive rüsten wollen. Doch die Volksbefreiungsfront ist stark: Sie wird von Alliierten unterstützt. Hatte Abiy Ahmed anfangs noch davon gesprochen, es werde sich um einen kurzen Einsatz handeln, kann ein Jahr später davon keine Rede mehr sein.

Demontage eines Hoffnungsträgers

Dabei ist es erst zwei Jahre her, dass der heutige Ministerpräsident Abiy Ahmed den Friedensnobelpreis erhielt. Nur ein Jahr später holte er zum militärischen Schlag gegen die Volksbefreiungsfront aus und noch ein Jahr später, sieht es so aus als habe er das Land in das schwerste Chaos seit langem gestürzt, sagt unsere Korrespondentin.

"Er war ein Mann mit dem sich Diplomat*innen aus aller Welt gezeigt haben und die sich darum gerissen haben, Verträge mit Äthiopien abzuschließen. Man hat wirklich geglaubt: Dieser Mann bringt den ganzen Kontinent voran."
Antje Diekhans, ARD-Korrespondentin in Nairobi

Abiy Ahmed galt nicht nur als Hoffnungsträger für Äthiopien, sondern für den gesamten afrikanischen Kontinent. Äthiopien ist ein wichtiger Standort: Dort befindet sich etwa auch der Hauptsitz der Afrikanischen Union. Wenn das Land zerfallen sollte, würde das auch die Nachbarsstaaten in den Konflikt ziehen, so Antje Diekhans.

Katastrophale humanitäre Lage

Schon jetzt befindet sich das Land in einer katastrophalen Situation. Die Versorgungslage ist schlecht. Laut des Berichts einer Ermittlungskommission von UN und der äthiopischen Menschenrechtskommission, sind 400.000 Menschen in Äthiopien akut von Hunger bedroht oder leiden bereits darunter.

Kathrin Hondl, Korrespondentin in Genf
"Der Bericht der UN schildert Gruppenvergewaltigungen, Folter, systematischen Tötungen von Menschengruppen und willkürlichen Festnahmen – durchgeführt von allen Konfliktparteien."

Hinzu kommen die gewaltvollen Taten auf beiden Konfliktseiten: Es ist von extremer Brutalität die Rede. Was im Bericht steht, berichtet unsere Korrespondentin in Genf Kathrin Hondl. Für den Untersuchungszeitraum von November 2020 bis Mai 2021 heißt es, dass vor allem die äthiopische Armee und die Soldaten des eritreischen Militärs für die Gewalttaten verantwortlich sind.

Keine Lösung am Verhandlungstisch

Die Einschätzung unserer Korrespondentin: Eine Lösung am Verhandlungstisch wird es für diesen Konflikt wohl kaum geben. Zwar hat die USA noch einmal appelliert, dass es dazu kommen sollte, doch ein Sprecher der TPLF hat das rundweg abgelehnt: Sie würden auf einen militärischen Sieg setzen.

Auch Abiy Ahmed gibt nicht auf. Es wird wohl eine Lösung geben, doch unsere Korrespondentin befürchtet: Sie wird wohl eine blutige sein.