Jedes Jahr zählt die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung die Anzahl der Kriege und bewaffneten Konflikte auf der Welt. Auch wenn die Zahl 29 vergleichsweise gering erscheint, in friedlichen Zeiten leben wir trotzdem nicht, sagt Konfliktforscher Wolfgang Schreiber.

Wie schon in den vergangenen Jahren ist auch in diesem Jahr Afrika am stärksten von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen, zeigt der Bericht der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung von der Universität Hamburg. Während der Konflikt in der sudanesischen Region Darfur in diesem Jahr beendet wurde, sind zwei neue Kriege hinzugekommen: der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach und der Krieg in der Region Tigray im Norden Äthiopiens.

Die meisten Kriege gab es laut Wolfgang Schreiber, dem Leiter der Arbeitsgruppe, Anfang der 90er Jahre. Fast 60 kriegerische Auseinandersetzungen wurden dort gezählt. Derzeit befänden wir uns von der Anzahl der Kriege her auf dem Level der 60er Jahre. Vor allem Kriege mit großflächigen Bombardements und entsprechend vielen Toten wie im Korea- oder Vietnamkrieg gebe es zur Zeit nicht, sagt Wolfgang Schreiber.

Ab wann ein Krieg als Krieg zählt

Ab wann die Arbeitsgruppe eine kriegerische Auseinandersetzung als eine solche einstuft, hängt von festgelegten Kriterien ab:

  • Es muss eine bewaffnete Auseinandersetzung geben.
  • Streitkräfte müssen beteiligt sein, bei welchen mindestens eine Streitkraft von einer Regierung stammen muss.
  • Ein gewisser Grad an Organisation muss vorhanden sein.
  • Eine Kontinuität der Kampfhandlungen muss erkennbar sein.

Corona hat Berichte über Kriege überschattet

Vor allem durch den Fokus auf die Corona-Pandemie haben in diesem Jahr viele Kriege in der Berichterstattung kaum Aufmerksamkeit erhalten, sagt Wolfgang Schreiber. Oft gebe es eine "schlaglichtartige" Aufmerksamkeit wie beispielsweise aktuell für die Entführung in Nigeria durch Boko Haram, ansonsten wurde über die Konflikte aus dieser Region kaum berichtet. Dagegen hätten die beiden neuen Konflikte um Bergkarabach und Tigray deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen.

"Von den 29 Kriegen, die wir dieses Jahr gezählt haben, kriegen wirklich nur ein geringer Teil Aufmerksamkeit."
Wolfgang Schreiber, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung

Vergleichsweise regelmäßig sei dagegen über den Konflikt in Libyen berichtet worden. Das lag zum einen an der Intervention durch die Türkei und Russland und zum anderen an den Bemühungen um Friedensverhandlungen, die auch von Berlin aus geführt wurden, sagt Wolfgang Schreiber.

Friedliche Zeiten werden nicht nur durch politischen Frieden definiert

Die Anzahl der Auseinandersetzungen war dieses Jahr zwar nur halb so hoch wie Anfang der 90er Jahre, von friedlichen Zeiten könne dennoch keine Rede sein, sagt Wolfgang Schreiber. Denn der Bericht erfasse beispielsweise nicht die Drogenkriege in Mittelamerika mit sehr vielen Toten, die diese nicht unter die Definition eines klassischen Krieges fielen.

Und auch, wenn es zurzeit keine großflächigen Kriege gebe, die vielen kleinen Auseinandersetzungen würden ebenfalls viel Unsicherheit in den betroffenen Regionen auslösen. Auch Hungersnöte und Flüchtlingsströme würden unter anderem von Kriegen und Konflikten ausgelöst, sagt Wolfgang Schreiber.

„Menschen sterben auch unnötig an anderen Sachen. Wenn immer noch Menschen verhungern, obwohl es eigentlich nicht notwendig ist, würde ich jetzt nicht von friedlichen Zeiten sprechen.“
Wolfgang Schreiber, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung