China ist der weltgrößte Produzent von Tomaten. Sie bauen die Früchte hauptsächlich für den Westen an: Viele Tomaten landen als Tomatenmark in unseren Supermärkten, oft steht das aber nicht auf der Verpackung. Die Tomaten sollen auch unter Zwangsarbeit angebaut werden.

Tomaten verbinden viele wahrscheinlich mit Gerichten aus Italien wie Pasta al Pomodoro, also Spaghetti mit Tomatensoße. Die meisten Tomaten, die in Dosen, als Ketchup, Tomatenmark oder -paste in unseren Supermärkten stehen, kommen allerdings nicht aus Italien, sondern aus China.

China weltgrößter Tomaten-Anbauer

Mehr als 62 Millionen Tonnen Tomaten hat China laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen alleine im Jahr 2019 produziert. Das Land nimmt damit über 40 Prozent der weltweiten Tomaten-Produktion ein. Nach China kommen Indien mit 19 Millionen Tonnen und die Türkei mit fast 13 Millionen Tonnen.

In der chinesischen Küche kommen Tomaten allerdings kaum vor, sagt ARD-Korrespondentin Ruth Kirchner. Die Menschen dort sehen Tomaten mehr als Obst an und weniger als ein Gemüse, was sich auch in dem chinesischen Namen zeigt: Übersetzt heißt Tomate so viel wie "die westliche rote Frucht". Das Klima in der Region Xinjiang, wo die Tomatenplantagen sind, ist aber sonnig und trocken, was der Tomate gefällt.

Angebaut in Xinjiang, hergestellt in Italien

Die Millionen Tonnen der roten Früchte, die China jedes Jahr anbaut, sind für den westlichen Markt. China produziert damit beispielsweise Tomatenkonzentrat und verkauft es nach Italien. Dort wird es weiterverarbeitet – zum Beispiel zu Tomatenmark – und mit der Aufschrift "Hergestellt in Italien" versehen.

Seit dem 1. April 2020 sind Hersteller zwar dazu verpflichtet, die Herkunft einer wesentlichen Zutat anzugeben, wenn sie nicht aus dem gleichen Land wie das Lebensmittel kommt. In manchen Fällen reicht es scheinbar aber auch schon aus, Nicht-EU-Land auf die Verpackung zu schreiben, so Ruth Kirchner. Dass Nicht-EU-Land im Fall der Tomaten China meint, bleibt unklar.

"Tomaten werden in China als Cash-Crop angebaut: weniger für den eigenen Bedarf, sondern für den Verkauf in Übersee."
Ruth Kirchner, ARD-Korrespondentin für China

Anbau unter Zwangsarbeit?

Auch der Anbau in der Region Xinjiang ist umstritten. Xinjiang liegt an der Grenze zu Zentralasien und ist die Heimat der muslimischen Minderheit der Uiguren. Neben den Tomatenplantagen wird dort auch Baumwolle angebaut.

Unter anderen die Vereinten Nationen (UN) werfen der chinesischen Regierung vor, dort Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu beschäftigen, die den muslimischen Minderheiten angehören. Auch der Anthropologe Adrian Zenz bestätigte unserer Korrespondentin, dass es auf den Feldern in Xinjiang ein sehr hohes Risiko für Zwangsarbeit gebe. Adrian Zenz ist Deutscher, lebt in den USA und forscht zum Umgang der chinesischen Regierung mit den Uiguren.

"Der Forscher Adrian Zenz hat mir gesagt, so wie es in der Baumwollindustrie in Xinjiang läuft, so läuft es auch auf den Tomatenplantagen. Das Risiko für Zwangsarbeit sei dabei sehr hoch."
Ruth Kirchner, ARD-Korrespondentin für China

Muslimische Minderheiten vermutlich auf Plantagen

Zwar kommen nicht alle Arbeiterinnen und Arbeiter, die auf den Plantagen beschäftigt sind, aus den Umerziehungslagern der chinesischen Regierung, so Ruth Kirchner.

Es gebe aber sogenannte staatliche Arbeitsvermittlungsprogramme, mit denen Angehörige muslimischer Minderheiten gedrängt werden, auf den Feldern zu arbeiten – oft weit entfernt von ihrer Heimat. Diese Arbeitsprogramme seien militaristisch organisiert, die Teilnehmenden würden in manchen Fällen Uniformen tragen, würden bewacht und politisch indoktriniert. China streitet die Zwangsarbeit ab und sagt, die Programme dienen der wirtschaftlichen Entwicklung und würden gegen islamistischen Extremismus vorgehen.

Deutsche Lebensmittelkonzerne: keine Auskunft

Ähnlich unklar ist, wie große deutsche Lebensmittelhersteller zu den Vorwürfen stehen. Auf unsere Anfrage hat der Konzern Unilever, zu dem Marken wie Knorr, Bertolli und Oro-Tomatenmark gehören, nicht reagiert. Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der beispielsweise die Marken Maggie oder Thomy-Ketchup führt, wollte keine Auskunft geben.

Klar ist jedenfalls, wie intransparent alles ist, was in Xinjiang passiert, sagt die China-Korrespondentin. Europäische Firmen würden nur schwer nachvollziehen können, inwiefern ihre Lieferkette sauber sei. Nicht-Regierungs-Organisationen fordern deshalb, grundsätzlich keine Geschäfte mit Unternehmen aus Xinjiang einzugehen.