Der Schock über den plötzlichen Tod ihres Partners sitzt bei Ronja zunächst tief. Sie erzählt, wie sie mit dem Verlust umgegangen ist. Trauer ist sehr individuell: Sich nicht alleine gelassen zu fühlen, kann helfen, sagt eine Trauermentorin.
Die Nachricht ist für Ronja ein Schock: Der Partner ihrer achtjährigen Beziehung kommt bei einem Unfall ums Leben. Sie wird von Nachrichten von Freunden und Familienangehörigen überhäuft.
Zunächst ist es eine große Überforderung, die ihre eigenen Gefühle überschattet, sagt Ronja. Mit dem Tod ihres Partners kann sie sich erst auseinandersetzen, als nach der Bestattung etwas Ruhe einkehrt.
Damals ist Ronja 21 Jahre alt. Die beiden hatten sich als Teenager kennengelernt und sind zusammengekommen. Der Unfall ist inzwischen sechs Jahre her.
Einfach nur zuhören und die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen
Die Tabletten, die sie verschrieben bekommt, machen sie müde und helfen ihr nicht wirklich. Es ist ein Prozess, der sie verändert. Viele aus ihrem Umfeld sind verunsichert und wissen nicht, wie sie für Ronja dasein können.
Nicht gesehen gefühlt
Von einigen hat sich Ronja in dieser Phase nicht gesehen gefühlt. Denn was sie sich wünscht, ist ein offenes Ohr: die Möglichkeit, frei über ihren verstorbenen Partner sprechen zu können. Dass ihr jemand zuhört und dabei die eigenen Bedürfnisse erst einmal hinten anstellt, das wünschte sie sich.
Andere konnten Ronja das auch geben: Menschen, die sie gefragt haben, ob sie vorbeikommen sollen. Mit ihnen konnte Ronja über das Geschehene sprechen.
"Ich weiß noch, dass mich das total überfordert hat und tatsächlich auch einer der Gründe war, weshalb ich mich anfangs nicht auf meine eigenen Gefühle und meine Trauer fokussieren konnte."
Sie hat aber auch negative Erfahrungen in dieser Phase der Trauer erlebt: Ronja wurde kritisiert dafür, wie sie mit dem Tod ihres Partners umgangen ist. Dass sie viel ausgegangen ist und leider, wie sie selbst sagt, in dieser Zeit mehr Alkohol getrunken hat.
Diese Kritik findet sie nach wie vor unangebracht: Andere sollten sich dieses Urteil nicht erlauben, wenn sie selbst noch nie in solch einer Situation gewesen sind, sagt sie.
Spiritualität beim Umgang mit einem Trauerfall
Spiritualität hilft ihr dabei, wieder optimistischer auf das Leben zu schauen. Für Ronja bedeutet spirituell zu sein, sich weiterzuentwickeln und achtsam durchs Leben zu gehen.
"Es hat mir unheimlich viel geholfen, mit Menschen darüber zu sprechen. Und in dem Moment zu meinen Gefühlen zu stehen."
Ronja ist damals in einem Ausnahmezustand. Für Körper und Gehirn kann ein Trauerprozess extrem belastend sein, erklärt der Psychotherapeut Bastian Willenborg. Es werden Hormone ausgeschüttet, vor allem Adrenalin und Cortisol. Das kann dazu führen, dass zum Beispiel der Blutzucker und der Blutdruck ansteigen können.
Oft sind die eigenen Herzschläge deutlicher zu spüren, und es kann zu Schwindelgefühlen kommen. Die Immunfunktion kann reduziert sein und Entzündungsmarker erhöht. Man fühlt sich mitunter nicht nur körperlich krank, sondern ist es sogar tatsächlich, sagt der Facharzt für psychosomatische Medizin.
In manchen Fällen, wenn die Trauer lange anhält, sozial nicht gut eingebettet ist oder weitere Schwierigkeiten daraus entstehen, kann sich eine anhaltende Trauerstörung entwickeln, sagt Bastian Willenborg. Eine Diagnose, die professionelle Unterstützung notwendig machen kann.
"Der Körper hat das noch gar nicht realisiert und muss das verarbeiten. Man denkt, die Person kommt jede Sekunde um die Ecke. Es kann nicht sein, dass mir so etwas passiert, denkt man sich."
Die Trauer wirkt grenzenlos und manche haben den Wunsch, sie zu überwinden. Sandra Stelzner-Mürköster ist Trauermentorin und Autorin. Als sie 30 Jahre alt ist, und ihr Sohn sechs Monate alt, verliert sie ihren Partner. Weil sie ein sehr analytischer Mensch ist, sagt sie, nimmt sie sich vor, die fünf Phasen der Trauer, nacheinander abzuhaken:
- Leugnen
- Ärger
- Feilschen
- Depression
- Akzeptanz
Dabei erkennt sie, dass Trauer sehr individuell ist und nicht nach einem vorgefertigten Schema "abgearbeitet" werden kann. Um das zu unterstreichen, zitiert die Trauermentorin aus einem Text, den sie einmal geschrieben hat: "Du musst mich nicht verstehen, weil ich verstehe mich gerade selbst nicht."
Als sie selbst um ihren Partner trauert, hilft der Glaube der studierten Theologin dabei, nach vorne blicken zu können und wieder Hoffnung zu schöpfen.
Der Verlust und die Trauer darüber verändert einen Menschen, sagt sie. Die Trauer hinter sich zu lassen, um dann zu einem Punkt "zurückzukehren", hält sie deswegen für ausgeschlossen.
"Ich beschreibe Trauer als einen transformativen Prozess, insofern, dass jeder Mensch, der das einmal erlebt, nie mehr der Mensch sein wird, der er einmal war."
In der Trauer nicht das Gefühl zu haben, alleine dazustehen, hält die Trauermentorin für wichtig. Es kann schon reichen, dass jemand einem Trauernden Essen vor die Türe stellt, dass man umarmt wird, dass man zusammensitzt und schweigt oder den Raum bekommt, über das Erlebte zu sprechen. Ein Allgemeinrezept gibt es für Trauer nicht und oft kann der Trauernde selbst nicht in Worte fassen, was im am besten helfen könnte, sagt Sandra Stelzner-Mürköster.
"Es ist auch nicht Ziel, irgendwohin zurückzukehren. Zu einem Punkt, den es nicht mehr gibt, weil es einfach den Menschen nicht mehr gibt, sondern die Trauer als eigenen Anteil zu akzeptieren."
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