Die Konzentrationslager der NS-Zeit stehen für grauenvolle Qualen, die Millionen von Menschen erleiden mussten – unter ihnen Kinder und Jugendliche. Um ihr mentales Leid sichtbar zu machen, brauchte es therapeutisches Geschick. Der Historiker Dietmar Süß erzählt von pädagogischer Fürsorge in einer Zeit, in der kaum jemand über Traumata sprach.

Sommer 1945: Mehr als 300 Jugendliche und wenige Kleinkinder kommen im landschaftlichen Idyll des Lake Districts im Norden Englands an. Am See Windermere sollen sich die jungen Überlebenden von den körperlichen und seelischen Gräueln erholen, die sie im Konzentrationslager Theresienstadt erleiden mussten.

Manche dieser Kinder hatten bereits etliche Lager durchlaufen. Viele von ihnen ohne ihre Familien, ob ihre Angehörigen überhaupt noch lebten, wussten sie nicht. Den größten Teil ihres Lebens hatten die Kinder und Jugendlichen unter Qualen durchlitten. In Windermere kümmerten sich Pädagogen wie Oskar Friedmann und Psychoanalytikerinnen wie Anna Freud um sie, die selbst nach Großbritannien emigriert waren.

"Voller Erstaunen bemerkten die Fürsorgerinnen, wie sehr sich die Kinder umeinander kümmerten, wie sehr sie aufeinander bezogen waren und niemanden in ihre Welt eindringen ließen."
Dietmar Süß, Historiker

Die Gewalt- und Verlusterfahrungen der Kinder waren massiv und die Arbeit der Fürsorgerinnen und Fürsorger, ohne brauchbares Vorbild, visionär. Dass Kinder überhaupt Gegenstand psychotherapeutischer Forschung wurden, war unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges alles andere als selbstverständlich.

Traumatherapie nur in der Theorie

Der Begriff "Trauma" existierte damals in der deutschen Psychologie zwar schon, fand aber kaum Anwendung. Vergessen, statt über die Vergangenheit zu reden, das war die Devise.

"Für Deutschland hatte Karl Bonhoeffer 1947 den Ton gesetzt, als er festhielt, die Toleranz der Psyche sei so robust, sie halte auch die schwersten kriegsbedingten Belastungen aus."
Dietmar Süß, Historiker

Die fehlende Aufarbeitung im Nachkriegsdeutschland wirkte sich auch vor Gericht aus: Erst am 18. Mai 1960 stellt der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil die Möglichkeit fest, dass Verfolgte für Störungen in Folge von Unterdrückung und Gewalterfahrungen in Lagern, eine Entschädigung einklagen können.

Dietmar Süß analysiert in seinem Vortrag eine ähnliche Sprachlosigkeit im Zusammenhang mit dem Luftkrieg. Menschen, die in Luftschutzbunkern Zuflucht suchen mussten, wurde lange nicht zugestanden, durch diese Erlebnisse Schaden genommen zu haben.

Dietmar Süß lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg. Seinen Vortrag mit dem Titel "1945 - Die Sehnsucht nach Frieden und die Macht der Gewalt" hat er am 4. April 2020 gehalten, anlässlich des Symposiums "Kriegsende 1945: Die Geburt des Westens, wie wir ihn kannten". Veranstaltet wurde das Symposium vom Jena Center für Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

In seinem Vortrag spricht Dietmar Süß über den Spielfilm "Die Kinder von Windermere", einer Koproduktion ZDF und BBC, der die Geschichte der Kinder und Jugendlichen nach ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern nacherzählt. Der Film ist bis zum 24.07.2020 in der ZDF-Mediathek verfügbar.