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Schnell nach Feierabend doch noch ein paar Mails checken, eine Whatsapp an den Kollegen der Frühschicht schicken oder ein Telefonat nach dem Abendessen führen – gerade jetzt, wo viele von uns im Home-Office sitzen, fällt die Abgrenzung zwischen Arbeitszeit und Freizeit oft schwer. Deshalb gibt es einen Vorstoß von EU-Abgeordneten. Sie fordern für die gesamte EU ein Recht auf Abschalten.

Gabriele Bischoff ist Arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament und gehört zu denjenigen, die das EU-weite Recht auf Abschalten unterstützen. Sie findet, dass die ausufernden Arbeitszeiten bei vielen Menschen ein großer Stressfaktor sind.

"Ständig erreichbar zu sein, kaum Pausen zu machen und bis spät in den Abend oder gar am Wochenende zu arbeiten. Das setzt viele Beschäftigte unter enormen Stress."
Gabriele Bischoff, Arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament

In Frankreich gibt es so einen rechtlichen Rahmen seit 2017. Arbeitnehmende haben ganz offiziell das Recht, nach Feierabend alles Dienstliche abzuschalten. Das Problem: Bei Nicht-Einhaltung der Vorschrift haben Firmen nichts zu befürchten. Deswegen hapert es teilweise mit der Umsetzung.

Schlafstörungen als Folge von Stress

Eine Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit kann für Menschen durchaus zum Problem werden, sagt Simone Kauffeld, Arbeitspsychologin an der TU Braunschweig. Eine mögliche Folge sei, dass Angestellte nicht mehr abschalten und permanent mit dem Kopf bei der Arbeit sind. "Und das erschwert den Aufbau von Energieressourcen. Es kann beispielsweise zu Schlafstörungen führen, zu Müdigkeit, zu Erschöpfung oder auch zu Niedergeschlagenheit", so die Arbeitspsychologin.

"Also eine Gefahr dabei ist natürlich, dass man gedanklich nicht mehr abschalten kann. "
Simone Kauffeld, Arbeitspsychologin an der TU Braunschweig

Monika Hobmeier sieht die Vermischung von Arbeit und Freizeit weniger kritisch. Sie führt das Hotel Bader in der Nähe von München. Das ist ein 24-Stunden-Job, sagt sie. Sie trennt ganz bewusst nicht zwischen Arbeit und Privatleben sondern ist für ihre Mitarbeitenden und Gäste immer erreichbar.

"Ich habe noch nie so eine Situation gehabt, wo ich mir gedacht habe: 'Shit! Jetzt will ich eigentlich nicht erreichbar sein.'"
Monika Hobmeier, Geschäftsführerin Hotel Bader

Die Rezeption im Hotel ist nicht rund um Uhr besetzt. Das bedeutet, wenn ihre Mitarbeitenden Feierabend machen, wird das Telefon auf ihr Handy umgeleitet. "Das heißt also auch, dass ich in der Nacht vom Gast angerufen werden kann. Und das passiert auch manchmal, dann muss ich diese acht Kilometer ins Hotel fahren, um zwei Uhr früh, wenn irgendwas passiert", erzählt sie.

Arbeit vom Sofa aus

Was für manche nach totalem Stress klingt, ist für Monika Hobmeier aber etwas Positives. Sie nimmt die Arbeit gerne mit nach Hause. So kann sie am Nachtmittag und Abend bei ihrer Familie sein, obwohl im Hotel eigentlich immer was zu tun ist. Zur Not regelt sie Dinge eben von der Couch aus.

Aber: In den Momenten, in denen niemand anruft, versucht sie das Thema Arbeit komplett aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie sagt, sie habe aufgehört, zu sehr in die Zukunft zu planen.

"Also ich versuche wirklich, im Augenblick zu leben und nicht schon wieder den morgigen Tag zu planen. Das habe ich mir wirklich abgewöhnt."
Monika Hobmeier, Geschäftsführerin Hotel Bader

In der Arbeitspsychologie unterscheidet man zwischen Menschen, die eine klare Trennung brauchen und Menschen wie Monika Hobmeier, die gerne Privates und Berufliches vermischen, sagt Simone Kauffeld von der TU Braunschweig: "Und natürlich kann es auch so sein, dass – wenn ich entsprechend über Aktuelles informiert bin und E-Mails beispielsweise abrufe – dass das für mich beruhigend sein kann, weil ich weiß dann, dass keine Katastrophe passiert."

Wichtig sei immer, ob ich selbstbestimmt entscheide, meine Arbeit mit der Freizeit zu vermischen. Oder ob ich es mache, weil ich sonst vielleicht nicht befördert werde oder andere Nachteile befürchte. Gerade bei Letzterem könnten Gesetze also helfen.

Bis es eine europaweite Regelung zum Recht auf Abschalten gibt, wird es aber vermutlich noch dauern. Im Januar soll das Thema im Plenum des Europäischen Parlaments zur Abstimmung kommen. Das ist aber nur ein erster Schritt von vielen in Straßburg und Brüssel, bis tatsächlich irgendwann ein Gesetz daraus werden kann.