In der Türkei beginnt heute (09.10.2017) der Prozess gegen 143 Soldaten, die in der Putschnacht die Bosporusbrücke blockiert haben sollen.

Es war ein zentraler und vor allem auch ein symbolischer Schauplatz des Putschversuchs vom 15. Juli 2016, sagt Korrespondentin Luise Samman. Allein dort hat es 34 Tote und 318 Verletzte gegeben und dafür sollen die Soldaten jetzt vor Gericht verantwortlich gemacht werden. Die Staatsanwaltschaft fordert für jeden Angeklagten 37 Mal lebenslänglich. 

"Das waren die Bilder, die um die Welt gingen und die sich bei jedem Türken wirklich ins Gedächtnis eingebrannt haben: Die blockierte Bosporus-Brücke."
Luise Samman, Korrespondentin in Istanbul

Auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass es sich hierbei um einen Schauprozess handelt, stellt Luise Samman zunächst klar: "Es ist ein ganz normaler und sicher auch nötiger Prozess nach einem solchen Verbrechen, der ein Putsch ja nun mal ist." Aber klar ist auch, dass diese Prozesse eine riesige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 

"Dieser Putsch ist ein Trauma für alle Türken gewesen, nicht nur für die Erdogan-Anhänger. Auch wenn ihr Führer das jetzt so inszeniert."
Luise Samman, Korrespondentin in Istanbul

Im Zusammenhang mit dem Putsch hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auch die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert. Das hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt. In der Türkei wurde das weit weniger heftig diskutiert, sagt Luise Samman. Bis heute habe es nie einen konkreten Schritt in diese Richtung gegeben und auch keinen Gesetzentwurf.

Türkische Gesellschaft ist gespalten

Die AKP-Regierung möchte aber erklärtermaßen am "Heldenepos der türkischen Nation" weiter schreiben - so spricht sie selbst über den Sieg gegen die Putschisten vom 15. Juli 2016. Die Türken, sagt Luise Samman, sollen dieses Ereignis so in Erinnerung halten, wie den Unabhängigkeitskrieg. 

"Deswegen wurden in Windeseile Denkmäler gebaut, die Bosporusbrücke wurde in 'Märtyrer-des-15-Juli-Brücke' umbenannt."
Luise Samman, Korrespondentin in Istanbul

Auch jedes Schulbuch sei mit einem Logo mit der Aufschrift "Das Epos vom 15. Juli" bedruckt. Das Ganze sei eine politische Inszenierung, sagt Luise Samman, und die Prozesse seien ein Teil davon.

Egal ob Erdogan-Anhänger oder Gegner: Am Putschversuch selbst gibt es in der Türkei kaum Zweifel. Aber die Inszenierung, die politischen Folgen, der anhaltende Ausnahmezustand - das wird von einigen Türken sehr kritisch gesehen und an diesem Punkt spaltet sich die Gesellschaft.