Nach dem Putschversuch und den Verschwörungstheorien über die Hintergründe hört man nur noch wenig Kritik in der Türkei über Präsident Erdogan - selbst von der Opposition.

Die aktuelle Stimmung in der Türkei hat für uns Luise Samman, die für DRadio Wissen regelmäßig aus der Türkei berichtet, eingefangen. Zwar sei vor dem Putschversuch am 15. Juli die Stimmung auch schon sehr Pro-Erdogan gewesen, sonst könnte die türkische Partei AKP nicht seit 14 Jahren jede Wahl gewinnen. Neu sei aber, dass jetzt auch die Opposition fast schon zum türkischen Präsidenten Erdogan halte, sagt Luise.

"Es gibt momentan wirklich kaum Kritik an Erdogan und das nicht, weil sich keiner mehr traut, sondern weil viele noch damit beschäftigt sind, zu feiern, dass der Putsch abgewendet wurde."
Luise Samman, Korrespondentin in Istanbul

Der Oppositionschef habe sich sogar in den Regierungspalast einladen lassen, was dieser früher vehement abgelehnt hatte. In der Türkei gebe es auch keine Zweifel mehr daran, dass die Gülen-Anhänger hinter dem Putschversuch stecken. Daher sind auch die ganzen Verschwörungstheorien, dass Erdogan Drahtzieher des Putschversuchs sei, in der Türkei vollkommen vom Tisch.

"Es herrscht demonstrative Einigkeit und Einheit, was aus deutscher Sicht sehr verwirrend ist. Die große Mehrheit der Menschen ist mit dem aktuellen Vorgehen Erdogans einverstanden, weil sie Angst vor der Gülen-Bewegung hat."
Luise Samman, Korrespondentin in Istanbul

Die Stimmung in der Türkei sei sehr von einer gewissen Verwirrung über die aktuelle Situation bestimmt, erzählt Luise. Für die massenhaften Entlassungen hätten die meisten Verständnis. Das sei normal nach einem Putschversuch, bei dem mit Gewalt versucht wurde, die Regierung zu stürzen, und bei dem Menschen getötet wurden.

"Ich finde es richtig, dass die Gülenisten ein für alle Mal aus dem Staatswesen entfernt werden. Eine Partei wie die AKP kann man ablehnen und mit Argumenten bekämpfen. Sie hat ein Gesicht, einen Standpunkt, ein Programm. Die Gülen-Bewegung ist keine Partei, das sind Leute wie Mafia-Bosse, die versteckt operieren."
Ehemaliger Gesi-Demonstrant

Eher eine Minderheit von Intellektuellen sehe die Gefahr, dass diese Säuberungsaktionen in eine Art Hexenjagd gegen alle kritischen Stimmen ausarten könnten. Gleichzeitig kommt immer stärker die Frage auf: Durch was wird man eigentlich zum Gülen-Mitglied? Ab wann zählt man dazu? Denn es gibt keinen Mitgliedsausweis der Bewegung.

"Während Gesi hatten wir diese Wut in uns, die trieb uns auf die Straße. Heute fühle ich gar keine Wut, ich bin höchstens verwirrt und ratlos."
Ehemalige Gesi-Demonstrantin