Mehr als 3,6 Millionen – so viele syrische Flüchtlinge hat die Türkei in den letzten Jahren aufgenommen. Bis Dienstag (20.08.19) müssen alle illegal in Istanbul lebenden Flüchtlinge die Stadt verlassen und in türkische Provinzen umziehen. Viele von ihnen haben Angst, dass die türkische Regierung sie nach Syrien abschiebt.

In Istanbul gibt es schätzungsweise 300.000 bis 500.000 syrische Flüchtlinge, die illegal in der Millionenstadt leben. Das bedeutet: Entweder sind sie gar nicht als Flüchtling in der Türkei gemeldet oder sie sind in einer der Provinzen registriert, die nahe der Grenze zu Syrien liegen wie Adana oder Gaziantep. Dorthin sollen sie mit dem Auslaufen des Ultimatums wieder zurückkehren.

Denn die großen türkischen Städte wie Istanbul, Izmir und alle Badeorte nehmen schon seit Jahren keine Flüchtlinge auf. Viele der Provinzen im Inland hingegen schon. Hier sollen wiederum all die Flüchtlinge hin, die bis jetzt noch gar nicht gemeldet sind. Bevor sie auf die Inlandsprovinzen verteilt werden, müssen sie sich in abgeschirmten Zentren offiziell registrieren.

Flüchtlinge verlassen Istanbul und enden wieder in Syrien

Das Problem mit den Provinzen: Viele Syrerinnen und Syrer sind speziell nach Istanbul gekommen, weil hier ein Teil ihrer Familie lebt oder sie andere Leute kennen. Sie haben sich in den vergangenen acht Jahren ein neues Leben aufgebaut. Mit dem Auslaufen des Ultimatums befürchten sie, zukünftig tausende Kilometer weit weg zu leben oder im schlimmsten Fall wieder nach Syrien abgeschoben zu werden.

"Es gibt immer wieder Geschichten von Flüchtlingen, die nicht in die Provinzen zurückgeschickt werden, sondern direkt nach Syrien."
Christian Buttkereit, Dlf-Korrespondent in der Türkei

Dlf-Korrespondet Christian Buttkereit erzählt, dass er immer wieder Geschichten von Flüchtlingen höre, die in den Registrierungslagern dazu genötigt werden "freiwillige" Ausreisedokumente zu unterschreiben. Ihnen würde die Polizei drohen, andernfalls für ein halbes Jahr in einem der Lager festgehalten zu werden. Auf diese Weise habe die türkische Regierung schon mehrere tausend Flüchtlinge wieder nach Syrien zurückgeschickt.

Polizei durchkämmt Istanbul nach Flüchtlingen

Zudem beobachtet Christian Buttkereit immer wieder Razzien der Polizei, die in Istanbul nach Syrerinnen und Syrern suchen, die keine Papiere mit sich tragen, um sie über Umwege ebenfalls in ihr Heimatland abzuschieben. Daher haben viele der Menschen Angst sich überhaupt auf den Weg in die Provinzen oder zu den Registrierungslagern zu machen. Hinzukommt, dass Städte wie Adana oder Gaziantep gar nicht alle Syrer aufnehmen können, die bei ihnen gemeldet sind.

"Wenn tatsächlich alle Flüchtlinge in die wenigen Provinzen zurückkehren würden, wären die Städte völlig überfordert. Es ist unrealistisch, die Forderung konsequent durchzuziehen."
Christian Buttkereit, Dlf-Korrespondent in der Türkei

Zukunft noch unklar

Morgen läuft das Ultimatum der türkischen Regierung offiziell ab. In Istanbul sind Arbeitgeber dazu verpflichtet innerhalb der nächsten sieben Tage keine Syrer zu beschäftigen, die sich hier illegal aufhalten. Christian Buttkereit sagt, es habe manchmal schon den Anschein, die Polizei würde ganz Istanbul auf der Suche nach Flüchtlingen durchkämmen.