Zuletzt ging es um das Erdgas in der Ägäis: Wem gehört es? Wer darf es fördern? Doch der türkisch-griechische Konflikt ist weit älter und vertrackt. Seine Wurzeln liegen in der Zeit des Osmanischen Reichs. Unsere Reporterin Annabell Brockhues blickt zurück.

Seit Ende Januar 2021 sprechen die Türkei und Griechenland wieder miteinander. Davor lagen fünf Jahre Schweigen. Es gibt unterschiedliche Meinungen zu den Besitzansprüchen um die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer.

Der darunter liegende Konflikt ist allerdings wesentlich älter und geht auf den Streit zwischen dem damaligen Nationalstaat Griechenland und dem Osmanischen Reich zurück, erklärt Historikerin und Turkologin Ellinor Morack von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

"Es ist ein Konflikt, der älter ist als die heutigen Menschen, die ihn austragen. Schon das Osmanische Reich hatte einen Konflikt mit dem Nationalstaat Griechenland, und den hat die Türkei übernommen."
Ellinor Morack, Historikerin und Turkologin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

In der Hochzeit der Osmanen regierte ihre Herrscher-Familie über ein Gebiet von Kleinasien über den Balkan bis zum Schwarzen Meer und Nordafrika. Die Türkei und das Griechenland von heute zählten auch dazu.

Unabhängigkeit und Nationalismus

Nach über 600 Jahren nimmt die Macht der Osmanen zum Ende des 18. Jahrhunderts allerdings ab. Und auch im 19. Jahrhundert fordern immer mehr Regionen ihre Unabhängigkeit. Die Folge: Der Nationalismus innerhalb des Osmanischen Reichs nimmt zu, so wie im Griechenland der 1820er-Jahre. "Als dann in Griechenland in den 20er-Jahren diese Bewegung entstand, die überwiegend auf der Peloponnes einfach aus einem Volksaufstand bestand, hat man die nationalistisch interpretiert, könnte man sagen", so die Historikerin.

Vom Volksaufstand zum "Trauma der Osmanen"

Hinter dem Volksaufstand steckte eine kleine Vereinigung griechischer Nationalisten und eine große Gruppe von Bauern, die keine überhöhten Steuern mehr zahlen wollten. Aus dieser Bewegung entwickelt sich die griechische Revolution, die wenig später in der Gründung eines griechischen Nationalstaats 1830 mündet. Dieser – erst vergleichsweise kleine – griechische Nationalstaat legt einen Grundstein für die heutige Auseinandersetzung zwischen der Türkei und seinem Nachbarland.

In den nächsten Jahren des 19. Jahrhunderts vergrößert sich der griechische Nationalstaat weiter. Wobei die Osmanen immer die Verluste einstecken müssen, erklärt Ellinor Morack. In den Balkankriegen 1912 und 1913 erkämpft sich Griechenland zudem die Insel Kreta, das heutige Thessaloniki, den Süden Mazedoniens und die ägäischen Inseln.

"Historisch hat sich der griechische Staat im Laufe des 19. Jahrhundert immer weiter vergrößern können, immer auf Kosten des Osmanischen Reiches. Das führt zu einem gewissen Trauma, könnte man sagen."
Ellinor Morack, Historikerin und Turkologin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Im Ersten Weltkrieg bricht das Osmanische Reich schließlich an der Seite der Verlierermächte Deutschland und Österreich-Ungarn zusammen. Auf der anderen Seite kämpft Griechenland mit den Siegermächten Großbritannien und Frankreich. Bei den Friedensverhandlungen fordert Griechenland einen Anspruch auf einige türkische Gebiete ein – wie die wichtige Hafenstadt Izmir an der Westküste der Türkei. Dort leben damals viele Griechinnen und Griechen.

Besitzansprüche militärisch eingefordert

Die Forderung endet in einem Massaker, bei dem 300 bis 400 Muslime aus Izmir getötet werden. Denn: Die Griechen nehmen die Hafenstadt ein, bevor der Friedensvertrag unterschrieben ist. Als Reaktion auf die Übernahme Griechenlands lehnen sich die Menschen in Anatolien gegen die Griechen auf – auch wegen der existenziellen Angst, aus ihrem Raum verdrängt zu werden. "Das ist ein ganz wichtiger Punkt, an dem ganz viele Muslime in Anatolien gesagt haben, das lassen wir uns nicht bieten. Das hier ist unser Kernterritorium", sagt die Turkologin.

Zwar drängen griechische Truppen weiter in Richtung Ankara vor, am Ende kommt es jedoch zu einem Sieg der türkischen Unabhängigkeitsbewegung. Als Folge vertreiben türkische Truppe die griechischen aus Anatolien und mit ihnen über eine Million Griechinnen und Griechen, die dort gelebt haben.

Umsiedlung, Vertreibung

1923 erklärt der Vertrag von Lausanne die Vertreibung für rechtmäßig und legt gleichzeitig fest, dass eine halbe Million Muslime Griechenland verlassen und in die Türkei umsiedeln müssen. Die Umsiedlungen geschahen unter teilweise grauenhaften Bedingungen.

"Und dann hatten die beiden Staaten kein Interesse mehr daran, diese Feindseligkeiten so zu schüren. Jedenfalls zeitweilig."
Ellinor Morack, Historikerin und Turkologin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Im selben Jahr gründet Mustafa Kemal Atatürk die türkische Republik auf anatolischem Territorium. Ansprüche an seine Nachbarstaaten erhebt die Türkei unter Atatürk keine. "Frieden zu Hause, Frieden in der Welt", lautet sein Leitgedanke damals. Zu einem dauerhaften Frieden kommt es allerdings nicht – und der Konflikt ist bis heute existent.