Bei der zweiten Präsidentschaftswahl nach der Revolution 2011 in Tunesien gibt es keinen Favoriten. Nur das Misstrauen gegenüber den Kandidaten der etablierten Parteien ist groß. ARD-Korrespondent Jens Borchers rechnet nicht mit einem eindeutigen Wahlausgang.

Nach dem Arabischen Frühling 2011 ist es die zweite Präsidentschaftswahl in Tunesien. Viele Menschen sind immer noch froh darüber, dass es in Tunesien acht Jahre nach der Revolution eine Demokratie gibt, sagt Jens Borchers, ARD-Korrespondent für Nord- und Westafrika. Die Menschen würden ihre demokratischen Rechte ausüben, offen ihre Meinung sagen und sich einmischen. "Davon machen sie reichlich gebrauch", sagt Jens Borchers.

"Ich habe viele junge Leute getroffen, die sehr angetan davon sind, dass es diese Demokratie acht Jahre nach der Revolution noch gibt. Sie machen von ihren demokratischen Rechten wie der freien Meinungsäußerung reichlich Gebrauch."
Jens Borchers, ARD-Korrespondent für Nord- und Westafrika

Gerade die jüngere Generation wünsche sich vor allem Arbeit, ein besseres Bildungssystem und eine Zukunftsperspektive. Denn Tunesien hat nach wie vor große wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil die Parteien, die das Land maßgeblich seit der Revolution regiert haben, nicht die notwendigen Strukturreformen durchzuführen. Eine Folge der fehlenden Reformen führt zu Sorgen bei Investoren vor politischer Instabilität, vor Korruption, vor zu viel Bürokratie. Alles in allem verhindert dies die Entstehung neuer Arbeitsplätze, sagt Jens Borchers.

Kein Kandidat vertritt die Interessen der jungen Generation

Zu Wahl stehen jetzt 26 Präsidentschaftskandidaten. Darunter gebe es aber keinen, der die Interessen der jüngeren Generation vertrete. Auch bei der breiten Bevölkerung gebe es keinen Kandidaten, der als Favorit gelten könnte. Vorwahl-Umfragen seien schon im Vorfeld der Wahlen untersagt worden, damit sie nicht den Wählerwillen beeinflussen.

"Das Misstrauen gegenüber den Kandidaten, die Parteien angehören, die bisher regiert haben, ist relativ groß."
Jens Borchers, ARD-Korrespondent für Nord- und Westafrika

Feststellen lasse sich, so Jens Borchers, dass Kandidaten der Parteien, die bisher an der Regierung beteiligt waren, eher misstraut werde. Daneben gebe es Außenseiter-Kandidaten, denen Chancen eingeräumt werden, zumindest in eine Stichwahl zu kommen. Derzeit gehe niemand davon aus, dass einer der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalte, sodass es auf jeden Fall zu einem zweiten Wahlgang komme.

"Ein Kandidat, der Favorit ist bei den jungen Leuten? Habe ich nicht gehört."
Jens Borchers, ARD-Korrespondent für Nord- und Westafrika