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Der Ukraine fehlen Soldaten. Mit dem neuen Mobilisierungsgesetz könnten weitere 500.000 Männer eingezogen werden. Einer von ihnen: Denis. Der Journalist lebt in Kiew und hat Angst, bald im Krieg kämpfen zu müssen. In Unboxing News erzählt er, warum er gerade keine Zukunftspläne macht.

Denis ist Anfang 30, er wohnt und arbeitet in Kiew. Seit über zwei Jahren lebt Denis mit dem Gefühl, dass das Militär ihn jeden Tag einziehen kann.

Die Konsequenz: Denis ist dann kein Journalist mehr, sondern ein ukrainischer Soldat, der an der Front im Krieg gegen Russland für sein Land kämpft.

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Aktuell braucht die Ukraine sehr dringend neue Soldaten. Daher ist dort nun ein neues Mobilisierungsgesetz in Kraft getreten, was fast alle männlichen Einwohner in den Krieg schicken kann. Bis jetzt galten für Männer in der Ukraine viele unterschiedliche Ausnahmeregelungen, damit sie nicht in den Krieg geschickt werden.

Ukrainer*innen blicken in ungewisse Zukunft

Für Denis ist bisher der Krieg nah und fern zugleich. Er erzählt, dass Menschen, die Kiew aktuell für eine Woche besuchen würden, möglicherweise wenig mitbekommen würden vom Krieg. Nur die Sperrstunde erinnert alle daran, dass in der Nacht Bomben einschlagen könnten.

"Ich vermisse natürlich schon so ein bisschen die Zeit vor dem Krieg vor der großen Invasion, wo ich zu Konzerten gegangen bin."
Denis über seine Lieblingsbeschäftigung in der Ukraine vor dem Krieg

Gleichzeitig erlebt Denis auch die Tage wie den 2. Januar 2024, an dem es einen massiven Luftangriff gab. Er sagt, an diesem Tag hat seine "Wohnung gezittert". Gleichzeitig sieht er sich selbst aktuell noch in einer guten Lage – besonders finanziell. Als Journalist ist er bessergestellt als viele seiner Landsleute. Dennoch haben viele Ukrainer*innen etwas gemeinsam: Pläne zu machen ist schwer bis unmöglich.

Denis hat Angst, im Krieg zu sterben

Denis weiß, was in den nächsten Stunden passiert, aber er macht keine langfristigen Pläne mehr. Sein Leben besteht fast ausschließlich aus seiner Arbeit. Er vermisst die Leichtigkeit im Leben, zum Beispiel zu einem Konzert seiner Lieblingssängerin Taylor Swift zu gehen.

"Es ist nicht so, dass ich wegrennen würde, wenn ich eingezogen werde."
Denis über seine Einstellung, in den Krieg zu müssen

Noch viel schwerer ist für Denis allerdings das Gefühl, jederzeit in den Krieg ziehen zu müssen. Dazu gehört auch die Angst vor den damit verbundenen Erlebnissen und vor dem Tod. Eine Flucht, um dem Kriegsdienst zu entkommen, ist für Denis aber keine Option.

Die Soldaten der ukrainischen Armee

Die ukrainische Armee hat in etwa 800.000 Soldaten. Hinzu kommen noch die Reservisten unter den 40 Millionen Einwohner*innen der Ukraine.

In der Anfangszeit des Krieges haben sich viele Ukrainer freiwillig als Soldat*innen gemeldet. Zum Teil sind diese Soldaten seit zwei Jahren ohne Pause im Dienst. Außerdem ist das Durchschnittsalter der ukrainischen Soldaten recht hoch. Es liegt mittlerweile bei 43 Jahren. Gerade für ältere Soldat*innen ist der Einsatz körperlich viel anstrengender als für jüngere Soldat*innen, zum Beispiel wenn sie Granaten werfen.

Der Kriegsdienst soll normalerweise maximal 36 Monate dauern. Weil es an Soldaten mangelt, wird diese Zeit allerdings aktuell überschritten, was in der Ukraine in der Vergangenheit zu Protesten geführt hat. Aus diesem Grund werden nun auch neue Gruppen von Männern, die bisher nicht rekrutiert wurden, eingezogen.

Das Mobilisierungsgesetz

Das neue Mobilisierungsgesetz in der Ukraine schützt nur noch wenige Männer vor dem Kriegsdienst. Nicht in den Krieg müssen nach wie vor Männer mit einer Behinderung. Jedoch müssen sich diese Menschen zunächst einer aktuellen ärztlichen Untersuchung unterziehen. Außerdem müssen beispielsweise auch Männer, die schon in Kriegsgefangenschaft waren, nicht in den Krieg.

Bisher waren unter anderem auch Studenten oder Doktoranden in der Ukraine geschützt vor dem Wehrdienst. Diese Ausnahmen wurden für das neue Gesetz abgeschafft. Ebenfalls wurde das Wehrdienstalter von 27 Jahren auf 25 Jahre herabgesetzt.

"Natürlich hofft die Ukraine jetzt erst einmal, möglichst die Reihen aufzufüllen."
Sabine Adler über die Gründe für das neue Mobilisierungsgesetz in der Ukraine

Auch Männer, die aus der Ukraine geflüchtet sind, um dem Kriegsdienst zu entkommen, sollen es künftig in manchen Ländern wie Polen oder Litauen schwerer haben, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Innerhalb der Ukraine wird außerdem von Korruptionsfällen berichtet, in denen durch Bestechung die Wehrpflicht umgangen wird. Andere Männer versuchen jetzt wieder vermehrt über gefährliche Routen vor dem Kriegsdienst zu flüchten.

Der Großteil der Menschen in der Ukraine hält jedoch zusammen, sagt Denis. Viele Männer lassen sich daher freiwillig für den Kriegsdienst registrieren. Nur so schaffen es die Menschen trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit der russischen Armee die Stirn zu bieten, denkt Denis. Und genau dieser Zusammenhalt macht Denis Hoffnung, dass es eine bessere Zukunft für die Ukraine geben kann.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an Info@deutschlandfunknova.de

Shownotes
Ukraine
Wenn du Angst hast, an die Front zu müssen
vom 13. Mai 2024
Moderatorin: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner*innen: 
Denis, Journalist in Kiew
Anna Kohn, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
Sabine Adler, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin