Russland wirft der Ukraine den Besitz von biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen vor. Das wir als ein Indiz dafür betrachtet, dass Russland selbst den Einsatz von sogenannten B- und C-Waffen in Betracht ziehen könnte.

In der Kriegsführung wird zwischen konventionellen Waffen und sogenannten ABC-Waffen unterschieden. A steht für atomare, B für biologische und C für chemische Massenvernichtungswaffen.

Der Einsatz von biologischen Waffen in der Ukraine sei unwahrscheinlich, sagt Oliver Meier vom für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Anders sei das im Hinblick auf die Nutzung von chemischen Waffen. Und das, obwohl Russland und Ukraine gleichermaßen sowohl dem Übereinkommen zum Verbot von biologischen als auch chemischen Waffen beigetreten sind.

"Der Einsatz von biologischen Waffen ist eher unwahrscheinlich, würde ich sagen. Bio-Waffen sind als Mittel der Kriegsführung gar nicht so gut geeignet. Bei den Chemie-Waffen ist das leider anders."
Oliver Meier, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

Experten können zu diesem Zeitpunkt nicht überblicken, ob und über wie viel biologische und chemische Waffen Russland verfüge, sagt Oliver Meier. Während des sogenannten Kalten Krieges war Russland im Besitz von über 40.000 Tonnen chemischer Waffen. Diese sind im Rahmen des Vertrages gegen Chemiewaffen unter internationaler Aufsicht vernichtet worden, sagt der Friedensforscher.

Die Tatsache, dass der Kreml-Kritiker Alexander Nawalny und der russische Ex-Agent Sergej Skripal mit dem hochmodernen Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet wurden, wirft die Frage auf, ob in Russland weiterhin chemische Waffen erforscht und hergestellt werden, sagt Oliver Meier.

Friedensforscher: Einsatz von biologischen Waffen unwahrscheinlich

Dass Russland biologische Waffen einsetzen könnte, hält der Experte für Sicherheitspolitik für unwahrscheinlich. Biologische Waffen funktionieren so, dass Erreger ausgebracht werden, die Krankheiten bei Menschen und Tieren hervorrufen können.

Sie eignen sich nicht gut als Kriegswaffen, weil sie zeitlich versetzt wirken und ihre Wirkung regional und zeitlich nicht gut eingegrenzt werden kann. In einem Szenario wie dem Ukrainekrieg ergebe das militärisch wenig Sinn, sagt Oliver Meier.

C-Waffen überlasten das Gesundheitssystem und brechen die Moral

Der Einsatz von Chemie-Waffen in syrischen Bürgerkrieg habe die verheerende Wirkung dieser Kriegsmittel gezeigt, sagt Oliver Meier. Viele Menschen wurden gleichzeitig sehr krank, was dazu führt, dass das Gesundheitssystem überlastet war.

Und auch die Moral der Angegriffenen leide stark nach dem Einsatz dieser Art von Massenvernichtungswaffen, sagt der Experte für Sicherheitspolitik. Das macht den Einsatz dieser Waffen wahrscheinlicher als den von Biowaffen.

"Wir haben im syrischen Bürgerkrieg Chemiewaffen-Einsätze gesehen, die auch militärisch, muss man leider sagen, relativ erfolgreich waren."
Oliver Meier, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

Der Druck auf die Nato steigt mit Massenvernichtungswaffen, die möglicherweise noch zum Einsatz kommen werden. Die Mitgliedsstaaten des Militärbündnisses wollen jetzt darüber beraten, was sie dem russischen Angriff auf die Ukraine entgegensetzen können.

Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations
"Russland stellt eine Bedrohung dar für unsere Alliierten in Mittel- und Osteuropa. Viele dort fragen sich, ob sie die Nächsten sind, die geschluckt werden. Deswegen ist es genau richtig, dass wir unseren Verbündeten zeigen, dass wir bereit sind das Nato-Territorium zu verteidigen."

Der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat vorab mitgeteilt, dass die Nato zur Abschreckung Russlands ihre Ostflanke mit zusätzlichen Truppen an vier weiteren Standorten, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und der Slowakei, verstärkt.

Das hält Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, eine europaweite Denkfabrik zur europäischen Außen- und Sicherheitspolitik, für das richtige Zeichen. Allerdings gibt sie auch zu Bedenken, dass das Nato keine Sicherheitsgarantie für die Ukraine abgegeben hat.

Dem Verteidigungsbündnis gehe es zurzeit darum, dem russischen Präsidenten zu signalisieren, dass die Nato bereit ist, die Ukraine zu unterstützen, aber sich nicht als direkte Kriegspartei an dem militärischen Konflikt zu beteiligen, sagt Jana Puglierin.

Sollten tatsächlich (chemische) Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden, könnte sich die Haltung mancher Nato-Partner ändern. Beispielsweise gebe es in den USA auch Äußerungen, dass in solch einem Fall eine rote Linie überschritten werde und ein solches Vorgehen mit harten Konsequenzen geahndet würde, sagt Jana Puglierin. Diese Sprachwahl sei ambivalent, die Aussagen könnten verschieden interpretiert werden.

"Die Nato wird als Rückversicherung und Rettungslinie empfunden."
Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations