Mehr als 500.000 Menschen aus der Ukraine sollen momentan auf der Flucht sein, schätzen die Vereinten Nationen. Wlad ist einer von ihnen. Er ist aktuell in Sicherheit, sieht aber jeden Tag Explosionen am Himmel und hört die Sirenen heulen. Auch während unseres Gespräches ertönte das Warnsignal. Die Anspannung ist immer da, sagt er.

Vor dem Krieg, vor wenigen Tagen, hat Wlad in Kiew Politikwissenschaften studiert. Seit dem Angriff der russischen Einheiten auf die ukrainische Hauptstadt ist der 20-Jährige mit seiner Familie auf der Flucht. Im Moment ist er bei seiner Großmutter in Sicherheit. Sie lebt mehr als zweihundert Kilometer entfernt von Kiew.

Während seine Schwester und seine Mutter bald nach Deutschland weiter fliehen würden, muss Wlad in der Ukraine bleiben. Denn: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat im Zuge der Generalmobilmachung am 25. Februar 2022 angeordnet, dass alle männlichen ukrainischen Staatsbürger zwischen 18 und 60 Jahren nicht ausreisen dürfen. Sie sollen bleiben, um für ihr Land zu kämpfen.

Wlad sagt, dass er der vierten Gruppe der Mobilisierten angehört. Sie wird als Letztes eingesetzt. Sollten die russischen Truppen aber weiter vordrängen und auch den Ort angreifen, wo sich Wlad und seine Familie gerade aufhalten, wird er sich der ukrainischen Armee freiwillig anschließen, sagt er.

Der 20-jährige Student Wlad aus Kiew.
© privat
Wlad, 20, aus Kiew

"Ich bin nicht naiv gegenüber Putin und seinen Ansichten"

Diane Hielscher: Wlad wie geht es dir?

Wlad:
Ich muss sagen, ich bin erschüttert und sehr gestresst, aber nicht fassungslos und naiv gegenüber Russland und Putins Ansichten gegenüber der Ukraine.

Diane Hielscher:
Putin hat seine Nuklearwaffen in Alarmbereitschaft versetzt. Was macht das mit dir?

Wlad:
Emotional berührt mich das nicht so sehr. Denn ich weiß, dass er der alleinige Aggressor ist. Man muss alle Maßnahmen ergreifen, damit er es nicht schafft, Europa mit Atomwaffen zu erpressen.

Diane Hielscher: Wie erlebst du den Krieg bei deiner Oma, die außerhalb Kiews wohnt? Gibt es auch da Kriegshandlungen, wo du bist?

Wlad:
Kriegshandlungen vor Ort gibt es gerade keine. Aber tagsüber heulen zahlreiche Sirenen. Als ich gestern das Haus verlassen hatte, war der Himmel gelb und rot.

Das bedeutet, dass nicht weit von unserem Haus entfernt, ungefähr zehn Kilometer, Bombardierungen stattgefunden haben. Ich glaube, das liegt daran, weil eine strategisch wichtige Stadt nicht weit von uns entfernt liegt. Vor mein Haus sind aber bisher keine Bomben gefallen.

Diane Hielscher:
Wie sprichst du mit deiner Familie über die Zukunft? Habt ihr einen Plan oder wartet ihr erst einmal ab?

Wlad:
Alle sind ein bisschen genervt. Wir haben unsere Pläne schon zwei oder drei Mal geändert.

Ich habe jetzt Tickets für meine Schwester und meine Mutter gekauft, sie gehen sehr bald nach Uschhorod, also an die Grenze zur Slowakei, und dann geht es für sie weiter nach Deutschland.

Ich bleibe aber bei meiner Oma, weil ich wehrpflichtig bin. Das heißt nicht, dass ich unbedingt der Armee beitreten muss, aber wenn der Krieg hier ist, gehe ich freiwillig.

Diane Hielscher:
Weißt du schon, wann sie dich brauchen?

Wlad:
Ich glaube, das hängt von der Situation ab. Wenn sie kritisch wird, werden alle Kräfte gebraucht, um Ordnung herzustellen.

Diane Hielscher:
Hast du Angst vor dem Militärdienst?

Wlad:
Wissen Sie, ich hatte mein ganzes Leben Angst davor. Aber wenn es so offensichtlich wird, dass man sich existenziell um das eigene Leben kümmern muss, dann verliert man diese Angst nach und nach.

Diane Hielscher:
Was können wir in Deutschland und in Europa für euch tun? Was wünschst du dir jetzt?

Wlad:
Ich glaube, Europa hat sich seit Jahrzehnten endlich mal handlungsfähig erwiesen. Und ich glaube, man muss so weitermachen: Russland wirtschaftlich und auch in anderen Bereichen isolieren.

Man muss Solidarität zeigen, man muss endlich mal Waffen und was auch immer liefern, Menschen helfen und Flüchtlinge aufnehmen. Dafür wäre ich Deutschland dankbar - auch wenn meine Familie sicher nach Deutschland kommt.

Diane Hielscher:
Was glaubst du, wie es weitergeht? Stellt ihr euch jetzt auf einen lange währenden Krieg ein?

Wlad:
Ich glaube, das hängt auch davon ab, ob die Hauptstadt erobert wird oder nicht. Ob die politische Regierung noch am Leben ist oder nicht.

Jetzt hören wir wieder Sirenen.

Diane Hielscher:
Was heißt das? Was musst du jetzt machen?

Wlad:
In meinem Fall bedeutet das quasi alles oder nichts. Man weiß nicht, ob diese Sirenen wirklich vor etwas warnen oder nicht, weil es seit ein paar Tagen keine Bombenexplosionen gibt. Aber man ist immer irgendwie nervös, dass etwas fällt oder man umgebracht werden kann.

Diane Hielscher:
Habt ihr einen Keller in den ihr geht, wenn die Sirenen heulen?

Wlad:
Wir haben einen kleinen Keller, ja. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir den Keller hier.

Diane Hielscher:
Geht ihr da jetzt hin?

Wlad:
Ja, ich muss meine Eltern jetzt wecken.

Das Gespräch mit Wlad haben wir um 6 Uhr morgens aufgezeichnet. Wir haben ihn nach dem Ertönen der Sirenen noch einmal angerufen – ihm geht es gut.

  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartner:  Wlad, 20, Student aus Kiew