Du kennst ihn aus dem Seminar. Anfangs war er ganz nett. Er hat dir angeboten, gemeinsam mit dir für die Klausur zu lernen. Bei ihm zu Hause ist es dann passiert.

Über sexuelle Belästigung an den Universitäten ist bislang wenig gesprochen worden. Ein spektakulärer Fall in den USA heizt dort jetzt die Diskussion an. Das Magazin Rolling Stone veröffentlichte einen Bericht über eine Gruppenvergewaltigung 2012 an der Universität von Virginia in Charlottesville. Journalistisch war die Story nicht haltbar, das Magazin zog die Veröffentlichung zurück. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass die Studentin tatsächlich vergewaltigt wurde, wie der Polizeichef von Charlottesville später sagte.

"Die Situation in den USA und an deutschen Hochschulen kann man nicht vergleichen. Studentinnen an US-Unis verbringen ihr gesamtes Alltags- und Studienleben auf dem Campus."
Katrin List, Kriminologin

In Deutschland war sexuelle Belästigung oder Gewalt an Universitäten lange kein Thema - eher ein Tabu-Thema. In den USA dagegen sind die Hochschulen verpflichtet, jegliche Art von Übergriffen zu melden, erklärt die Kriminologin Katrin List. Sie hat 2012 eine Studie über sexuelle Übergriffe an deutschen Unis veröffentlicht.

"Unsere Daten zeigen ganz eindeutig, dass die Mehrheit der Fälle im sozialen Nahraum passieren, die finden in der Regel weniger an Örtlichkeiten der Universität als im privaten Rahmen statt."
Katrin List, Kriminologin

Mehr als die Hälfte der Studentinnen geben an, Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein. Dabei rechnen die jungen Frauen gerade an der Universität nicht damit, von Männern belästigt zu werden.

"An US-amerikanischen Hochschulen spielen die Verbindungen eine wichtigere Rolle als in Deutschland. Im Rahmen der Partys der Verbindungen, bei denen viel Alkohol getrunken wird, kommt es mitunter zu Vorfällen, die von der Campus-Obrigkeit verfolgt werden müssen."
Katrin List, Kriminologin

Katrin List hat herausgefunden, dass junge Frauen gerade während des Studiums Opfer sexueller Belästigung werden. Dagegen sei sexuelle Gewalt in Form von Vergewaltigungen eher selten. Sexuell übergriffig seien in mehr als 80 Prozent der Fälle Kommilitonen. Wobei die auch Freunde oder ehemalige Partner sein können, sagt Katrin List. Dozenten und Angestellte der Hochschule seien seltener Täter. Da die sexuellen Übergriffe häufig nicht an der Universität selbst stattfinden, werden sie weniger dem universitären Kontext zugeordnet, erklärt Katrin List.

Die Kriminologin hat ihre Studie an 16 deutschen Hochschulen durchgeführt und knapp 13.000 Studentinnen befragt.

Mehr über die Studie und sexuelle Gewalt an Unis im Netz: