Sinn und Unsinn zu unterscheiden, das klingt einfacher, als es ist. Nutzerinnen und Nutzer können lernen, Stuss auszusieben – auch online. Welche Techniken und Strategien dabei helfen, und was Kant zu Bullshit zu sagen hat, erklärt der Philosoph Philipp Hübl.

Verschwörungstheorien, Pseudowissenschaftliches, gezielte Desinformation, Lügen oder einfach nur Geschwurbel: Philipp Hübl subsumiert das alles unter der Kategorie Bullshit. Diesem Unfug begegnen wir unweigerlich – spätestens, wenn wir uns auf Online-Plattformen und in Netzwerke begeben. Drücken wir dann "like" oder erkennen wir, was dahinter steckt? Das ist ganz entscheidend.

"Ich verstehe 'eigene Meinung' als eine kritische, reflektierte, gerechtfertigte Meinung."

Wäre also gut, wenn wir solchen Bullshit erkennen. Es gibt aber typische Denkfehler, die uns daran hindern. Hübl hat zwar Philosophie studiert, interessiert sich aber auch für die Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltenswissenschaft. Nach dem Psychologen Keith Stanovich sind auch intelligente Menschen für Denkfehler anfällig.

Rationalität lässt sich trainieren

Ein typischer Denkfehler ist der confirmation bias, der Bestätigungsirrtum. Wir glauben, wovon wir ohnehin schon überzeugt sind. Aber während der Intelligenzquotient lebenslang ziemlich gleichbleibend ist, lasse sich der von Stanovich so genannte "Rationalitätsquotient" trainieren.

"Wenn die Aufmerksamkeit hoch ist, ist man schon mal ganz gut gegen bestimmte Formen von Manipulation geschützt."

Eine hilfreiche Frage bei diesem Training lautet: Was spricht eigentlich gegen meine Überzeugung? Die dafür notwendige Erhöhung der Aufmerksamkeit lässt sich gezielt zuschalten, sagt Hübl. Auf knifflige Fragen haben wir oft schon eine spontane, rasche Antwort aus dem Bauch heraus, die uns auf der Zunge liegt.

Denken und Geschwindigkeiten

Die müssten wir erst einmal runterschlucken, um die Frage - und unsere Antwort - korrekt zu durchdenken. Wir müssten lernen, schnelles Denken und langsames Denken zu unterscheiden.

"Im US-Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton waren zwei Prozent der Fake-News-Produzenten für 80 Prozent aller Fake News verantwortlich."

Wenn wir rational denken wollen, müssten wir gezielt gegen eine durch und durch menschliche Eigenschaft ankämpfen: Wir fühlen uns meist Gruppen zugehörig. Überzeugungen und Angewohnheiten verführen uns, so Hübl, zu "identitätsstiftenden Denkfehlern".

Das rationale Denken könnt Ihr jetzt auch gleich schon mal üben und mit einer Extra-Dosis Aufmerksamkeit über folgende Frage nachdenken: Wenn fünf Schuster fünf Tage brauchen, um fünf Paar Schuhe herzustellen, wie viele Tage brauchen dann 50 Schuster für 50 Paar Schuhe?

Philipp Hübl hat Philosophie und Sprachwissenschaft studiert und Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart gelehrt. Seinen Vortrag mit dem Titel "Bullshit-Resistenz: Warum und wie bilden wir uns eine Meinung" hat er am 24. 01.2020 anlässlich der Veranstaltung "aha - Ein Festival für Wissen" in Zürich gehalten. 2018 ist sein gleichnamiges Buch erschienen.