Es klingt bizarr: Bei Cops in den USA scheint es in Mode gekommen zu sein, bei Einsätzen laute Musik abzuspielen. Und zwar nicht aus Partylaune oder Psychotaktik, sondern um unliebsame Filmaufnahmen von Passanten zu erschweren.

In Santa Ana, einer kleinen Stadt südlich von L.A., gab es letzte Woche einen Polizeieinsatz. Ein Auto war gestohlen worden und der Dieb nach einer Verfolgungsjagd im Vorgarten eines Hauses mit lädierter Motorhaube zum Stehen gekommen.

Disney-Musik um 23 Uhr

Um das Fahrzeug herum stehen mehrere Polizeiautos mit blinkenden Warnleuchten, die Polizisten sichern Spuren – und plötzlich geht ein Officer zu seinem Fahrzeug und macht Musik über die Lautsprecheranlage an. Ziemlich laute Musik für 23 Uhr abends in einem Wohnviertel.

Songs wie "You’ve Got a Friend in Me" aus dem Disney-Film "Toy Story", "We Don’t Talk about Bruno" aus "Encanto" und "Reflecto" aus "Mulan" sind zu hören. Die Polizist*innen wollen damit verhindern, dass unliebsame Filmaufnahmen von Passanten anschließend auf YouTube hochgeladen und verbreitet werden, berichtet Vice.

Stichwort Uploadfilter

Bei YouTube werden die Unmengen an Clips, die jeden Tag hochgeladen werden, automatisch per Algorithmus auf Urheberrechtsverletzungen gecheckt. Wenn der Algorithmus dann – wie bei dem Einsatz in Santa Ana – auf der Tonspur populäre Musiktitel aus urheberrechtlich geschützten Disney-Filmen erkennt, wird der Clip nicht akzeptiert. Denn für den Algorithmus ist es ein Copyrightverstoß, solche Inhalte verbreiten zu wollen.

"Der Uploadfilter von YouTube wird zweckentfremdet. Der Trick scheint sich in US-Polizeikreisen herumgesprochen zu haben."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Bei dem genannten Einsatz in Santa Ana ging die Geschichte aber noch weiter, berichtet unser Netzreporter: Zufällig tauchte nämlich ein Mitglied des Stadtrats auf und fragte den Officer, was die laute Musik sollte. Der Polizist hat das dann ganz offen ausposaunt und in Richtung der auf ihn gerichteten Kamera gedeutet: "Weil das ein Copyrightverstoß für ihn ist."

Daraufhin hat ihn der Stadtrat ziemlich zusammengefaltet. Das sei ein respektloses Verhalten gegenüber der Nachbarschaft, die Leute müssten morgen wieder zur Schule und zur Arbeit und jetzt schlafen. Auch gegenüber dem Filmenden sei das respektlos und kindisch.

Der Trick klappt nicht immer

Die Polizei von Santa Ana hat gegenüber Vice erklärt, das Vorgehen sei kein Bestandteil irgendwelcher Empfehlungen von Seiten des Departments. Die Beamt*innen machen es einfach so.

Wie auch immer: Wirklich wirksam ist die Methode offenkundig nicht. Der Clip aus Santa Ana hat es zumindest trotz Disney-Musik auf Youtube geschafft. Manchmal lässt Youtube einen Clip mit urheberrechtlich geschützter Musik übrigens auch zu und blendet Werbung ein, der dann den Rechteinhabern an der Musik zugutekommt.

Rechtslage in Deutschland

Gleichzeitig ist es aber auch irgendwie nachvollziehbar, dass Polizist*innen nicht unfreiwillige Hauptdarsteller für Youtuber sein wollen. Auch in Deutschland führt das immer wieder zu Diskussionen oder sogar Rechtsstreitigkeiten.

"In Deutschland dürfen öffentliche Polizeieinsätze gefilmt werden. Im Netz müssen die Gesichter der Beamt*innen aber verpixelt werden."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Polizeieinsätze im öffentlichen Raum dürfen in Deutschland laut Gesetz zwar gefilmt werden – wer sie ins Netz stellt, muss die Gesichter der Beamt*innen aber unkenntlich machen, jedenfalls bei Routineeinsätzen. In den USA scheint das wohl vom Gesetz her auch ohne Verpixelung erlaubt zu sein.

  • Moderation:  Sebastian Sonntag
  • Gesprächspartner:  Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter