Herzschmerz, Drama und Vergewaltigung - das scheint das Erfolgsrezept für eine erfolgreiche Fernsehserie in Thailand zu sein - und das sagt viel über die Gesellschaft in dem asiatischen Land aus.

Für westliche Ohren klingt der Plot sehr seltsam, sehr unangenehm, sehr abstoßend - Mann vergewaltigt Frau und heiratet sie anschließend. Aber genau so lässt sich die Storyline vieler Serien in Thailand zusammenfassen. Warum Vergewaltigungen ihren festen Platz in thailändischen Serien haben? Weil solche Szenen beim Publikum gut ankommen, erklärt unser Thailand-Korrespondent Udo Schmidt. Sie sind ein dramaturgisches Mittel auf dem Weg zum Happy End. Auf die Vergewaltigung folgt die Entschuldigung des Mannes, die Versöhnung und am Ende die große Liebe mit anschließender Hochzeit. In Thailand sitzt regelmäßig ein Drittel der Bevölkerung vor dem Bildschirm und schaut sich Serien wie "Die Macht der Schatten" oder "Gefangene der Liebe" an.

Vergewaltigung als lässliche Sünde

In den thailändischen Serien aber auch in der thailändischen Gesellschaft gilt Vergewaltigung als lässliche Sünde, sagt Udo Schmidt. Sie gehörten zu einer dramatischen Liebesgeschichte dazu. Dass Vergewaltigungen nicht nur ihren Platz im Reich der Fiktion haben, zeigt ein Blick auf die Zahlen. So gehen jährlich rund 30.000 Anrufe bei einer speziellen Hotline des thailändischen Gesundheitsministeriums ein. Und Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Vergewaltigungen noch viel höher liegt. Zur Anzeige werden nur 3000 pro Jahr gebracht. Das Vertrauen in die thailändische Justiz ist nicht besonders hoch, sagt Udo Schmidt.

Die hohe Zahl der Vergewaltigungen und das selbstbewusste Auftreten der thailändischen Frauen in der Öffentlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille."
Udo Schmidt, Korrespondent in Thailand

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist in Thailand dabei gar nicht so einfach zu beschreiben. In Umfragen wurden Männer gefragt, ob sie sich "mit Gewalt Frauen genähert" hätten. Das Ergebnis: Das Gros der Männer geht so vor und vertritt auch die Auffassung, dass ihnen dieses Recht zusteht. Auf der Straße hat unser Korrespondent allerdings nicht das Gefühl, dass thailändische Frauen unterwürfig seien. Sie seien sehr präsent und träten selbstbewusst neben ihren Männern auf. Zwei Seiten derselben Medaille - und ein wenig pralle hier auch die traditionelle auf die moderne Gesellschaft, sagt Udo Schmidt.

Dass Vergewaltigungen ein riesiges Problem in Thailand sind, zeigt auch der Fall eines 13-jährigen Mädchens, das im vergangenen Jahr in einem Zug vergewaltigt, anschließend erdrosselt und aus dem Zug geworfen wurde. Ein Verbrechen, das in Thailand für viele Diskussionen sorgte. Auch die Rolle der Soaps wurde in diesem Zusammenhang diskutiert. Eine Internetpetition forderte sogar die Todesstrafe für Vergewaltiger. Frauenrechtlerinnen haben da einen ganz anderen Standpunkt: Sie wünschenm sich keine schärferen Gesetze, sondern, dass die bestehenden Gesetze angewendet werden. Viel zu oft würden Gerichte bei Vergewaltigungen wegschauen, außerdem könnten sich Angeklagte freikaufen.

Vergewaltigt, erdrosselt und aus dem Zug geworfen

Ob der tragische Fall der 13-Jährigen dauerhaft für einen gesellschaftlichen Wandel in Thailand sorgt, muss sich zeigen. Die Menschen, die eine Internetpetition unterschrieben hätten oder sich öffentlich äußerten, seien immer noch eine Minderheit. Der Großteil der Bevölkerung sitze weiter vor dem Fernseher und schaue Soaps, sagt Udo Schmidt. Auch aus der Politik ist nicht viel Hilfe zu erwarten. Nach einem Militärputsch im vergangenen Jahr kann man in Thailand zurzeit nicht von einer demokratisch legitimierten Regierung sprechen. Der ehemalige General und selbst ernannte Regierungschef Prayut Chan-o-cha macht zwar bei manchen Themen durchaus ernst und hat zum Beispiel der Korruption den Kampf angesagt. Beim Thema Vergewaltigung ist aber klar: Prayut Chan-o-cha ist ein alter Mann, der eher ein traditionelles Rollenbild vertritt. Seine Reaktion, als ein junges Paar am Strand ermordet wurde? Wenn eine Frau im Bikini herumlaufe, dürfe sie sich nicht wundern.