Nur bei wenigen Tieren konnte mit Experimenten ein Gerechtigkeitssinn nachgewiesen werden – zum Beispiel bei Hunden und Wölfen. Bei Kapuzineraffen sind sich die Forschenden noch uneinig.

Die meisten der rund zwei Millionen Tiere, die bisher wissenschaftlich beschrieben wurden, besitzen keinerlei Gerechtigkeitsgefühl, sagt Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig. Das gilt vor allem für die sogenannten niederen Tiere: also Insekten, Krebstiere und Weichtiere. Aber auch für die meisten höheren Tiere, also Vögel und Säugetiere. Nur bei einigen wenigen Tieren konnten Forschende in Laborversuchen nachweisen, dass sie ein Gerechtigkeitsgefühl besitzen oder entwickeln können.

"Ich kann mir jetzt nur sehr schwer einen gerechten Regenwurm oder einen gerechten Maikäfer vorstellen. Und das gilt auch für die meisten höheren Tiere, also Vögel und Säugetiere."
Mario Ludwig, Biologe
Ethologe und Primatenforscher Frans de Waal.
© imago | Zuma Press
Der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal hat ein Experiment zum Gerechtigkeitsempfinden von Kapuzineraffen durchgeführt.

Der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal hat ein Experiment zum Gerechtigkeitsempfinden von Kapuzineraffen durchgeführt. Der Forscher hat zwei Kapuzineraffen mit Steinen ausgestattet und den Primaten beigebracht, dass es sich bei diesen Steinchen um ein Zahlungsmittel handelt. Die Steine waren in diesem Fall eine Währung, mit der die Affen von einem Betreuer Futter kaufen konnten.

Im nächsten Schritt hat Frans de Waal die beiden Affen in zwei nebeneinanderliegende Käfige gesteckt, sodass sie sich gegenseitig beobachten konnten. Dann hat er den Kapuzineraffen jeweils ein leckeres Gurkenstück im Austausch für einen Stein angeboten. Das war ein Handel, auf den die Affen gerne eingegangen sind.

Dann hat der Forscher das Versuchsmuster geändert und hat dem einen Affen im Austausch weiterhin eine Gurke, dem anderen aber eine viel höherwertiger, weil schmackhaftere, Weintraube gegeben. Er hat den einen Affen gegenüber dem anderen beim Handel um das Futter klar benachteiligt.

Der benachteiligte Kapuzineraffe schlägt und wirft mit Futter 

Der benachteiligte Affe hat zunächst gedacht, es könnte an seinem Zahlungsmittel, also seinen Steinen, liegen. Er hat die Steine mit den Fingern untersucht und damit an die Wand seines Käfigs geklopft. Damit wollte er scheinbar überprüfen, ob seine Währung in Ordnung ist. Als der benachteiligte Affe dann gemerkt hat, dass sein Zahlungsmittel einwandfrei ist, er aber benachteiligt wurde, hat er sein Gurkenstückchen auf den Betreuer geworfen, die Zähne gefletscht und an seinem Käfig gerüttelt. Danach hat er jeden weiteren Tauschhandel verweigert. Frans de Waal schlussfolgerte daraus, dass der Primat genau wusste, dass er nach seinen Maßstäben ungerecht behandelt worden ist. In diesem Video kann man die Reaktion des benachteiligten Kapuzineraffen sehen.

"Als der benachteiligte Affe aber gemerkt hat, dass mit seinem Zahlungsmittel alles okay ist, aber er benachteiligt worden, ist er völlig ausgeflippt."
Mario Ludwig, Biologe

Andere Forschende interpretieren das Ergebnis anders

Inzwischen wurde das Experiment auch von anderen Wissenschaftlern wiederholt, die das Verhalten des Affen allerdings anders interpretiert haben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Primat in erster Linie frustriert ist, weil der Betreuer plötzlich sein Verhalten ändert und ihm die leckere Weintraube vorenthält. Die Wissenschaftler kommen zu dem Resultat, dass Benachteiligung, die dadurch deutlich wird, dass ein zweiter Affe weiterhin eine Weintraube erhält, in diesem Versuchsaufbau gar keine Rolle spielt. Weiterhin sind Wissenschaftler sich uneinig darüber, worauf die Reaktion des Kapuzineraffen zurückzuführen ist. Es konnte also nicht abschließend geklärt werden, ob es hier wirklich um ein Gefühl für Gerechtigkeit geht.

Verschiedene Ergebnisse bei Futterexperimenten

Forschende der Georgia State University kommen bei Futterexperimenten zu dem Schluss, dass Schimpansen durchaus so etwas, wie ein Gerechtigkeitsempfinden besitzen, wohingegen Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nach Verhaltensstudien genau das Gegenteil herausfanden, nämlich dass Schimpansen kein Gerechtigkeitsgefühl entwickeln können. Das Problem bei der Bewertung: Die Forschenden sehen bei den Versuchstieren ein bestimmtes Verhalten, was die Tiere dabei empfinden, können sie bisher nur mutmaßen.

Gerechtigkeitssinn bei Hunden und Wölfen

Neuere Experimente zeigen, dass sowohl Hunde als auch Wölfe einen Sinn für Gerechtigkeit besitzen. Wissenschaftler der Universität Wien haben Wölfen und Hunden erst einmal beigebracht, dass sie mit Futter belohnt werden, wenn sie mit ihrer Pfote auf einen bestimmten Knopf drücken. Dann veränderten die Forscher den Versuch: Von zwei Tieren, die einander in benachbarten Gehegen zusehen konnten, erhielt im Versuch nur eines ein Stück rohes Fleisch als Belohnung für das Drücken des Knopfs.

Das andere Tier musste sich für die gleiche Tätigkeit mit einem deutlich weniger beliebten Stück Trockenfutter zufriedengeben. Daraufhin stellten die benachteiligten Hunde und Wölfe komplett die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern ein. Die Forschenden sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Tiere die Mitarbeit verweigert haben, weil sie sich benachteiligt gefühlt haben.