Statistiken scheinen unbestechlich. Aber auch auf der Grundlage von Zahlen finden politische Auseinandersetzungen statt, sagt der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt. Wie Zahlen Wirklichkeit verändern, erläutert er anhand der Pisa-Studie.

Als vor gut 20 Jahren die erste Pisa-Studie erschien, war die Aufregung groß. Deutsche Schülerinnen und Schüler schnitten ziemlich schlecht ab. Es folgten Reformen des Bildungssystems. Doch wie die Pisa-Studie Bildung überhaupt misst, ist geprägt von Interessen, sagt Matthias Burchardt.

Matthias Burchardt ist Bildungsphilosoph und Akademischer Rat an der Universität zu Köln. Er steht in der Kritik, weil er sich in Zeiten der Corona-Pandemie aktiv im Querdenker-Umfeld bewegt und für Medien tätig ist, die der Verschwörungsszene zugeordnet werden. Seine Kritik am deutschen Bildungssystem und Bildungsreformen wie PISA und Bologna übt er aber schon seit vielen Jahren.

"Der Pisa-Test ist keine Registrierung von Wirklichkeit, sondern er erzeugt Wirklichkeit."
Matthias Burchardt, Bildungsphilosoph

Die Pisa-Studien werden von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt. Diese verfolgt damit jedoch eigene Interessen, erklärt der Bildungsphilosoph. In den Augen der OECD sei Erziehung eine wirtschaftliche Investition in den Menschen, der Lehrer Produktionsfaktor, die Schüler Rohmaterial und Allgemeinbildung sei die Befähigung zu immer neuer Anpassung.

"Der Eindruck wird erweckt, es würde sich bei statistischen Darstellungen um unbestechliche Wissenschaft handeln. Präzision, Eindeutigkeit, Nachprüfbarkeit und Neutralität scheint in diesen Zahlen gegeben zu sein. Und das möchte ich erschüttern."
Matthias Burchardt, Bildungsphilosoph

Wie die Pisa-Studien Bildung messen, sei normative Empirie, so Burchardt weiter. Sie erfassten nicht nur Wirklichkeit, sondern wollten durch ihre Messung die Wirklichkeit verändern. Wie genau das mit Hilfe der Aufgaben aus den Pisa-Studien seines Erachtens geschah, erklärt Matthias Burchardt in seinem Vortrag. Er heißt "Geistlose Traumfabriken und Phantasiemagorien der Bildungsreform" und er hat ihn am 24. September 2021 auf der Tagung "Philosophicum Lech" gehalten.

Weitere Vorträge des Symposiums:

Aktualisierung: Dieser Artikel sowie das Audio wurden am 12.03.2022 um Informationen zum Redner ergänzt.