Das Leben berühmter Menschen ist oft spannend und wird deshalb gerne in Form einer Biografie aufgeschrieben. Doch lässt sich das überhaupt zwischen zwei Buchdeckeln erfassen? Ein Vortrag der Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl.

Vermutlich gehört es zur menschlichen Natur, sich für das Leben von anderen zu interessieren. Nicht nur für die, die wir persönlich kennen. Ob man sich für die Philosophie von Ludwig Wittgenstein interessiert oder dafür, was Michelle Obama während ihrer Zeit im Weißen Haus gemacht hat – in beiden Fällen gibt es Bücher, zu denen man greifen kann.

Der britische Philosoph Ray Monk hat eine mehrfach ausgezeichnete Biografie über Ludwig Wittgenstein geschrieben, und Michelle Obamas Autobiografie "Becoming" hat Verkaufsrekorde gebrochen. Es sind beides Bücher, die versuchen, sich einem Leben zu nähern und es anderen nahe zu bringen.

"Wie kann man es wagen, ein fremdes Leben nachzuerzählen, zu beschreiben, zu einer Wahrheit zusammenzufassen und darüber ein Urteil zu fällen?"
Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin

Doch wie soll das gehen? Es gibt nicht die "eine Wahrheit" über ein Leben, sagt Daniela Strigl. In ihrem Vortrag erklärt sie, was es bedeutet, eine Biografie zu schreiben. Sie ist für dieses Thema in zweifacher Hinsicht eine Expertin. Daniela Strigl ist Literaturwissenschaftlerin und unterrichtet an der Universität Wien. Zugleich ist sie Autorin und hat selbst zwei Biografien geschrieben über die österreichischen Schriftstellerinnen Marlen Haushofer und Marie von Ebner-Eschenbach.

"Die Erkenntnis, dass es die eine Wahrheit bei der Annäherung an ein fremdes Leben nicht geben kann, ist unhintergehbar."
Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin

Aus dieser doppelten Perspektive als Wissenschaftlerin und Biografin erzählt Daniela Strigl in ihrem Vortrag. Sie berichtet von ihren Begegnungen mit Familienangehörigen von Marlen Haushofer und der Herausforderung, dabei die richtige Nähe und Distanz zu finden.

Wie kann eine Biografin mit der Verantwortung umgehen, die Privatheit der Personen, über die sie schreibt, anzuerkennen, und dennoch nicht einfach ein Image unhinterfragt zu übernehmen, das sich jemand während seines Lebens gegeben hat?

"Daten und Fakten werden ausgewählt, andere weggelassen, das Ausgewählte wird zu einer Erzählung verbunden. Deshalb ist die Biografie eine beim Publikum beliebte, in der Wissenschaft jedoch als anrüchig betrachtete Gattung."
Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin

Lässt sich ein Leben überhaupt in die literarische Form einer Erzählung hineinpassen? Wie verfälschend ist eine jede Biografie notwendigerweise? Kann man einzelne Ereignisse und Teile aus dem Leben von jemandem erzählen, ohne sie gleich in ein großes, übergeordnetes Narrativ einzupassen? Auch um diese literaturwissenschaftlichen und philosophischen Fragen geht es in dem Vortrag.

"Die Biografin muss sich damit abfinden, dass es nichts zu durchschauen, zu entlarven gilt, dass dahinter oder darunter kein wahres Gesicht der Entdeckung harrt."
Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin

Daniela Strigl hat ihren Vortrag am 24. September 2021 gehalten beim 24. Philosophicum Lech in Lech am Arlberg in Österreich. Ihr Vortrag hat den Titel: "Abgeschrieben kann das Leben nie werden – Biografie und Fiktion."

Ein weiterer Vortrag am Philosophicum Lech: Wie die Literatur bei Fake News helfen kann