In Taiwan stehen Wahlen an. Und die chinesische Regierung versucht, durch Falschmeldungen und Cyberattacken darauf Einfluss zu nehmen.

Mehr als die Hälfte der 30 Millionen Cyberattacken pro Monat in Taiwan würden zweifelsfrei aus China kommen, sagt das taiwanesische Institut für Nationale Verteidigung und Sicherheitsforschung. Erfolgreich waren demnach bisher nur sehr wenige Attacken. Aber Experten wie Wu Jun-deh, der am dortigen Institut arbeitet, rechnen damit, dass China immer hartnäckiger versuchen wird, durch Cyberattacken und Verbreitung von Falschmeldungen Einfluss auf das Land zu nehmen.

China will seinen Kandidaten ins Amt bringen

China geht es laut Beobachtern vor allem um eines, sagt unser Reporter Benjamin Weber: das Verhindern der Wiederwahl von Präsidentin Tsai Ing-wen. Ihre Politik versucht, sich von China abzugrenzen, um eine Einflussnahme zu verhindern. Ihr Gegenkandidat, Han Kuo-yu, will dagegen eine China-nahe Politik betreiben. Um ihn zu pushen, werde die chinesische Regierung besonders um die Zeit der Wahlen viel Einfluss nehmen wollen, da ist sich Cyberwar-Experte Wu Jun-deh sicher.

"Wir wissen, dass China versucht, die Wahlen bei uns zu beeinflussen. Es ist hybride Kriegsführung: Dazu gehören auch Cyber-Attacken."
Wu Jun-deh, Cyberwar-Experte am Institut für nationale Verteidigung und Sicherheitsforschung

Wu Jun-deh rechnet nicht nur damit, dass China am Wahltag versuchen werde, Chaos zu stiften, sondern auch, dass das Land versuchen werde, die Wähler von Taiwan mit Desinformations-Kampagnen zu beeinflussen.

Falschmeldungen als Waffe

Vor allem Falschmeldungen würden von der chinesischen Regierung genutzt, um auf die Meinungsbildung im Land Einfluss nehmen zu können, sagt Summer Chen, die Chefredakteurin vom Taiwan Fact Checking Center. So kursierten Informationen, dass die jetzige Regierung wirtschaftlich schlecht dastehe oder dass der Doktortitel der Präsidentin Tsai Ing-wen gefälscht sei. Summer Chen sieht darin einen Angriff auf die Demokratie.

"Das sind absichtliche Lügen, die lanciert werden, um einen wirtschaftlichen oder politischen Nutzen zu erzielen. Diese Desinformation schadet am Ende der Demokratie."
Summer Chen, Chefredakteurin des Taiwan Fact Check Centers

Das Problem wird noch verschärft, so Deutschlandfunk-Nova-Reporter Benjamin Weber, weil auch viele der taiwanesischen Medien die falschen Nachrichten ohne Fact-Checking übernehmen. Die vier ehemaligen Journalisten des Fact Check Centers haben jedoch in eineinhalb Jahren gerade mal 200 Falschmeldungen richtig stellen können. Das sei im Vergleich dazu, was im Netz rumschwirre, nur sehr wenig.

Medienkompetenz vermitteln

Das Problematische daran ist vor allem, dass die älteren Generationen die Falschmeldungen meist unreflektiert aufnehmen, sagt Benjamin. Deshalb setzen sich unter anderem Studenten dafür ein, mehr Medienkompetenz zu vermitteln. Dadurch könnten viele Falschmeldungen ihre Wirkung verlieren.

"Unsere Eltern brauchen Fakten. Mein Vater hat lange einen TV-Sender geschaut, der zu 80 Prozent nur über Bürgermeister Han berichtet hat, und das nur positiv. Wir haben lange miteinander gesprochen, und jetzt schaut er den Sender nicht mehr."
Michelle Wu, Anti-Fake-News-Vereinigung der Studierenden

Die Wahlen und Angriffe aus China führen in Taiwan auch zu einem Generationenkonflikt. Während die ältere Generation den China-nahen Kandidaten unterstützt, sind die jüngeren Taiwanesen prodemokratisch und stehen hinter der aktuellen Präsidentin. Die Angst, ein zweites Hongkong zu werden, ist allgegenwärtig, so unser Reporter.