Statt Wahlprogramme durchzuarbeiten, bilden sich viele von uns ihre Meinung lieber über Wahl-O-Maten oder TV-Duelle. Kein Wunder, denn Wahlprogramme sind meist viel zu kompliziert, um alles verstehen zu können – das zeigt nun auch eine neue Studie.

Wortungetüme, die keiner versteht, Anglizismen und Denglisch – in den Wahlprogrammen für die Bundestagswahl 2021 muss man nicht lange suchen, bis man auf das erste unverständliche Wort stößt, wie eine neue Studie der Uni Hohenheim zeigt.

Im Programm der Grünen ist zum Beispiel die Rede von einer "Fact-Finding-Mission" in China. Die Union möchte einen "Agri-Foodtech-Wagniskapitalfonds" einführen und die AfD schlägt eine "Supranationale Remigrationsagenda" in ihrem Programm vor. Die SPD spricht von "Edge-Computing", bei der FDP ist die Rede vom "Carbon-Leakage-Schutz". Hinzu kommen Bandwurmsätze mit mehr als 50 oder 60 Wörtern – im Wahlprogramm der AfD gibt sogar es einen Satz mit ganzen 79 Wörtern.

Umfang der Wahlprogramme: Große Unterschiede zwischen den Parteien

Mehr als 80 Wahlprogramme seit der Nachkriegszeit haben Kommunikationswissenschafterlinnen und -wissenschaftler der Uni Hohenheim untersucht und festgestellt: So umfangreich wie dieses Jahr waren die Wahlprogramme noch nie. Im Schnitt haben die Wahlprogramme der Parteien 44.000 Wörter. 1949 waren es noch knapp 5.500 Wörter – also gerade mal ein Achtel davon.

Historisch gesehen waren die Programme von 1949 laut der Studie trotz der Kürze ähnlich schlecht verständlich wie heute. Allerdings gab es eine Verbesserung in den 50er und 60er Jahren. Danach wurde es aber immer komplizierter.

"Noch nie waren die Programme so umfangreich wie jetzt."
Aglaia Dane, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Traditionell konnten sich die Grünen schon immer besonders schlecht kurzfassen, fanden die Forschenden heraus. Das längste Wahlprogramm hat die Linke mit fast 70.000 Wörtern – dafür sei es laut der Forschenden aber das verständlichste Programm.

Verständlichkeit gen Null

Um das herauszufinden, hat das Forschungsteam die Wahlprogramme durch eine bestimme Software laufen lassen. Diese suchte in den Texten nicht nur nach sehr langen Sätzen, sondern auch nach Fachbegriffen und zusammengesetzten Wörtern. Zudem nutzen die Forschenden einen Verständlichkeits-Index von 0 bis 20, also von schwer verständlich bis leicht verständlich.

Ein Vergleich: Die Hörfunk-Nachrichten, die ihr beispielsweise bei uns im Programm bei Deutschlandfunk Nova hört, liegen meist bei 16 Punkten. Die Parteiprogramme kamen dagegen auf 6 bis 8 Punkte.

Weniger Populismus in der Sprache

Die Forschenden haben sich zudem den Tonfall in den Wahlprogrammen genauer angesehen. Am negativsten war der Ton in den Programmen von AfD und Linke – das war bereits in den vergangenen Jahren so. Dagegen habe sich der Anteil von populistischer Sprache und Wortwahl im Vergleich zu den vergangenen 70 Jahren verkleinert. Am populistischten sei das Programm der AfD.

"Die Wortwahl ist diesmal im Schnitt – im Vergleich zu anderen Wahlprogrammen der letzten gut 70 Jahre – wenig populistisch."
Aglaia Dane, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Insgesamt und im langjährigen Parteienvergleich würden die Grünen den ersten Platz bei populistischer Sprache belegen. Das liege laut der Forschenden auch daran, dass die Programme vor allem in der Anfangsphase der Partei ziemlich populistische formuliert gewesen seien.

Alternative: Kurzversion oder Version mit einfacher Sprache

Wer sich dennoch genauer in die Wahlprogramme einlesen möchte, kann beispielsweise zur Kurzversion greifen, die alle großen Parteien anbieten. Bis auf das der AfD gibt es die Wahlprogramme auch in einfacher Sprache zu lesen.