Person A sieht das Gnu, Person B nicht. Was ist da los? Das Problem ist: Unsere Wahrnehmung ist stark abhängig von Informationen, die wir schon mitbringen.

Ein Szenario: Wir wissen, dass Gnus in Deutschland nicht vorkommen, sondern in Afrika leben – generell kennen wir sie aber. Im Zoo in der eigenen Stadt leben welche, und ein Exemplar davon bricht aus und läuft durch die Stadt. Wir sehen es und denken: Da läuft ja ein Gnu!

Das kann aber auch anders laufen: Wir sind schon etwas älter, wir haben immerzu gelernt: Gnus gibt es in Afrika, natürlich nicht in Deutschland. Genauso wie es hier keine Löwen und Pinguine gibt. Völlig ausgeschlossen, dass wir in Deutschland ein Gnu sehen. Nun bricht auch in diesem Fall ein Exemplar aus dem Zoo aus und läuft durch die Stadt. Was passiert? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir es entweder gar nicht wahrnehmen oder denken: Da läuft ein Pferd, ein großer Hund oder ein Mensch, der sich als Gnu verkleidet hat.

"Die Daten reichen nie. Man muss immer noch zusätzliche Informationen reinstecken, die man vorher schon mitgebracht und die man gar nicht wahrgenommen hat."
Kai Schreiber, Physiker, Philosoph, Neurowissenschaftler

Das Gnu-Beispiel verdeutlicht eine der Kernthesen von Kai Schreiber. Sein Buch heißt: "Wahre Lügen – Warum wir nicht glauben, was wir sehen". Darin beschreibt er, warum unsere Wahrnehmungen – oder anders: unsere Wahrheiten – immer auch von unseren Erfahrungen und unseren Vorurteilen abhängen. Überhaupt seien die Begriffe "Wahrheit" und "Objektivität" schwierig und kaum zu definieren.

Das lässt sich auch immer wieder in Polizei-Befragungen feststellen: Die eine Person ist sich ganz sicher, dass das Auto, das Fahrerflucht begangen hat, rot war. Der andere sagt: Nein, es war ganz sicher schwarz.

Im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Reporter Sebastian Sonntag erzählt Kai Schreiber, warum unsere Wahrnehmung von so vielen externen Faktoren abhängt, warum wir Wahrscheinlichkeiten intuitiv oft nicht erfassen können und warum es so schwierig ist, mit anderen Menschen zu kooperieren, obwohl es objektiv besser für uns wäre.