Vor fast 30 Jahren ist die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland gefallen. Und zum ersten Mal ziehen mehr Menschen vom Westen in die ostdeutschen Länder als umgekehrt. Warum? Unsere Korrespondentin Silke Hasselmann hat bei den Umzüglern nachgefragt.

2017 war das Jahr, in dem sich der Trend umkehrte: 94.000 Menschen sind vom Westen Deutschlands in die ostdeutschen Flächenländer, also alle Bundesländer ohne Berlin, gezogen. In die umgekehrte Richtung waren es nur 90.000 Menschen. Das heißt: Ohne Berlin betrug das sogenannte Wanderungsplus für den Osten ungefähr 4000 Umzüge. Vor allem nach Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen zog es die Menschen. 

Herausgefunden hat das das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, das diese Wanderungsbewegungen untersucht hat. Demnach geht der Trend Richtung Osten durch alle Altersschichten. Nur die 18- bis 29-Jährigen zieht es noch überwiegend in den Westen. Doch auch hier sei bereits ein Gegentrend spürbar, sagen die Forscher. 

Erstmals seit der Wende mehr Umzüge von West nach Ost

Einer von ihnen ist Alex Gilow. Er kommt eigentlich aus Nordrhein-Westfalen und schon in seinen Ferien hat es ihn immer wieder nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen - in den Müritz-Nationalpark, oder das "Land der tausend Seen", wie sich die Region selbst nennt. Dann ist er irgendwann geblieben: zum Studieren in Neubrandenburg. Und auch nach dem Studium möchte Alex nicht dort weg, erzählt er unserer Landeskorrespondentin in Mecklenburg-Vorpommern Silke Hasselmann.

Neubrandenburg tut etwas dafür, dass Studierende aus den westdeutschen Bundesländern in die Kleinstadt mit 65.000 Einwohnern kommen. Die Hochschule Neubrandenburg präsentiert sich etwa auf Messen, das Lehrangebot ist gut. Alex erklärt: "Ich bin hergezogen, weil es nirgends so viele Wahlpflicht-Möglichkeiten gab wie an dieser Hochschule, wo ich mich spezialisieren kann, wie ich das möchte."

"Ich komme eigentlich aus Hannover oder Celle. Und warum Neubrandenburg? Weil ich das auf einer Messe gesehen habe. Das war spannend, und da wollte ich das machen."
Julia Pulit ist von Hannover nach Neubrandenburg gezogen

Auch gibt es Projekte, die das Leben im Osten schmackhaft machen wollen. Etwa das "UniDorf", das Alex und Julia Pulit besucht haben, um herauszufinden, was im vorpommerschen Penkun an der polnischen Grenze passieren müsste, um auch im Jahr 2035 noch eine lebensfähige Kommune zu sein. Julia sieht die Vorteile: Nähe zu Stettin und Berlin, ruhige und verlässliche Menschen, schöne Natur und - wichtig - erschwingliche Grundstückspreise.

Umzugsmotive: Natur, Jobs, Lebenshaltungskosten

Ein Argument für das Leben im Osten ist aber nicht nur das Studium in einer entspannten Stadt. Es geht auch um Arbeit. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es 2000 offene Lehrstellen und tausende Jobangebote - teilweise richtig gut bezahlte Jobs. "Fehlende Arbeitsplätze" sind also kein Thema mehr, erklärt der 28-jährige Frans Voss unserer Korrespondentin. Er ist von Rheinland-Pfalz noch Schwerin umgezogen. Dort arbeitet er im Energie- und Umweltmanagement eines mecklenburgischen Fleischverarbeitungswerkes.

"Die jüngeren Kollegen kommen auch häufig wieder zurück. Gerade wegen der geringeren Lebenshaltungskosten, Haus bauen, Kinder versorgen, Familie und so weiter. Das ist schon deutlich günstiger."
Frans Voss wohnt in Schwerin

Konrad Kretschmar schließlich ist in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen ist und will gar nicht erst weg: "Ich habe auf jeden Fall vor hierzubleiben", sagt der Medizinstudent. "Das liegt hauptsächlich daran, dass für mich der Begriff Heimat und Zuhause sehr an die Menschen gebunden ist." Viele von Konrads Freunden sind auch geblieben. Und damit liegen sie gerade im Trend.

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