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Nicht wenige Polizistinnen und Polizisten arbeiten weiter, wenn sie ihre Schicht beendet haben - oder haben schon gearbeitet, bevor sie ihren Dienst antreten. Vor allem aus finanziellen Gründen machen sie Nebenjobs.

Als Polizistin oder Polizist zu arbeiten, kann ein echter Knochenjob sein: Etwa die Streifenpolizisten, die dort zur Stelle sind, wo andere Menschen nicht gerne hingehen. Oder die Polizisten in Hundertschaften, die bei Demos auch schon mal als menschliche Schutzschilde eingesetzt werden.

Über 1300 Polizisten mit Nebenjob in Hamburg

Für viele Polizeibeamte ist nach Dienstschluss aber noch nicht Schluss: In Hamburg zum Beispiel hatten Ende November 2020 mehr als 1300 von ihnen einen Nebenjob. Diese Zahl hat die Gewerkschaft der Polizei (GDP) in Hamburg gerade veröffentlicht.

"Deutlich mehr als 10 Prozent der Polizistinnen und Polizisten in Hamburg haben einen Nebenjob."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova

Insgesamt gibt es rund 9300 Polizistinnen und Polizisten in Hamburg – das heißt, deutlich mehr als 10 Prozent arbeiten dort zusätzlich. Laut GDP hat das vor allem finanzielle Gründe.

Die GDP ist mit der Besoldung der Hamburger Beamtinnen und Beamten nicht einverstanden. Auf der Website der GDP Hamburg heißt es aktuell unter anderem, dass sie "nach den Kriterien des Bundesverfassungsgerichtes mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr dem Maßstab der Amtsangemessenheit genügt".

Nicht nur ein Hamburger Problem

Dass sich Polizisten ihr Gehalt mit Nebenjobs aufbessern, ist kein alleiniges Hamburger Phänomen. Es gibt zwar keine bundesweiten Zahlen, berichtet Sebastian Sonntag von Deutschlandfunk Nova. In einigen Bundesländern haben die Landespolizeibehörden in den Innenministerien aber Zahlen herausgerückt. Meistens allerdings nur auf Anfrage.

In Nordrhein-Westfalen (NRW) etwa gibt es Zahlen von 2017. Damals hatten gut 5000 Polizistinnen und Polizisten einen Nebenjob – bei etwa 40.000 Personen insgesamt sind das mit ungefähr 13 Prozent ähnlich viele Nebenjobber wie in Hamburg. Auch in Brandenburg und Berlin liegen Zahlen aus 2017 vor: In Brandenburg jobbten demnach 7,5 Prozent nebenher, in Berlin waren es knapp 10 Prozent. Die Zahlen aus Bayern sind etwas aktueller: Ende 2019 gingen dort gut 10 Prozent der Polizistinnen und Polizisten noch einer anderen Arbeit nach. 2017 waren es dort mit etwa 15 Prozent noch mehr.

Die Polizeigewerkschaften gehen davon aus, dass sich die Zahl der Nebenjobberinnen und Nebenjobber im Polizeiberuf auch bundesweit etwa zwischen 5 und 10 Prozent bewegt.

Hausmeister, Kellner, Ehrenamt

Bei den Nebenjobs ist so ziemlich alles dabei: Hausmeisterin, Kellner, Thekenkraft, Aushilfe in einer Pizzeria, Schönheitsberater, Lehrerin, Stromableserin, Musiker, Fachhochschuldozentin, Rollenspieler in der Polizeiausbildung, Rettungsassistentin, Imker. Es gibt auch Polizistinnen und Polizisten, die Arztbriefe und wissenschaftliche Interviews transkribieren. Und in vielen Bundesländern jobben Polizistinnen und Polizisten als Statisten beim Film.

"Auch ehrenamtliche Tätigkeiten als Fußballtrainerin oder bei der DLRG zählt die Statistik mit."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova

Was aber wichtig ist: Auch ehrenamtliche Tätigkeiten als Fußballtrainerin, Schiedsrichter oder beim Roten Kreuz, der Freiwilligen Feuerwehr oder der DLRG werden in den Statistiken mitberücksichtigt. Dazu kommen noch einige Beamte, die nebenher in einem Familienbetrieb mitarbeiten, sowie ein paar eher außergewöhnliche Tätigkeiten: Allein in Berlin sind zum Beispiel 26 Schriftstellerinnen und Schriftsteller unter den Polizisten.

Das Polizistengehalt reicht oft nicht aus

Vor allem bei jungen Polizistinnen und Polizisten in der Ausbildung oder in den ersten Dienstjahren reicht das Geld nicht aus. Oder auch bei jungen Familien, in denen ein Elternteil zu Hause bleibt. Das ist ein großes Problem, sagt Kriminalhauptkommissar Oliver von Dobrowolski, der Bundesvorsitzende der Berufsvereinigung PolizeiGrün.

"Ich denke, dass die wenigsten Polizeikräfte gern einen Nebenjob haben."
Oliver von Dobrowolski, Bundesvorsitzender der Berufsvereinigung PolizeiGrün

Die wenigsten Polizeikräfte hätten gern einen Nebenjob, glaubt er. Zumal diese Jobs immer auch zu Lasten von Freizeit und Familie gingen und ein Ausgleich kaum möglich sei. Von Dobrowolski ist bei Weitem nicht der Einzige, der mehr Geld für Polizistinnen und Polizisten fordert.

Es komme auch darauf an, wo die Polizeikräfte leben, sagt Sebastian Sonntag von Deutschlandfunk Nova. Vielleicht kommen sie mit dem Einstiegsgehalt auf dem Land noch zurecht. In der Stadt wissen sie aber nicht, wie sie die Miete zahlen sollen.

Besoldung je nach Bundesland unterschiedlich

Dazu kommt: Je nach Bundesland verdienen Polizisten ziemlich unterschiedlich. Laut aktueller Zahlen steht NRW an der Spitze, Berlin bildet das Schlusslicht bei der Besoldung.

Im Vergleich zu einem Beamten in Hamburg oder Stuttgart habe etwa ein Polizist in Berlin oder Saarbrücken am Ende des Jahres mehrere Tausend Euro weniger in der Tasche, rechnet Oliver von Dobrowolski vor. Das sei diesen Menschen nicht wirklich zu vermitteln, vor allem, wenn doch eigentlich der Grundsatz gelten sollte "Gleiches Geld für gleiche Arbeit".