Die Corona-Krise offenbart viele Probleme unserer Gesellschaft – das glaubt Beatrice Frasl. Die Kulturwissenschaftlerin ist überzeugt: Frauen leisten zurzeit die meiste Arbeit, sowohl beruflich, als auch privat.

Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, auch Kindergärten: Menschen, die in diesem Berufsfeld arbeiten, leisten Care-Arbeit und sind gerade jetzt besonders wichtig für die Gesellschaft. Während viele wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu Hause bleiben, müssen diese Menschen besonders viel leisten. Manche versuchen, ihre Wertschätzung dafür auszudrücken, indem sie etwa abends für die Arbeitenden applaudieren.

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In der Care-Arbeit sind aber mehrere große gesellschaftliche Probleme verankert, sagt Beatrice Frasl. Zum Beispiel sind 76 Prozent der Menschen, die einen Pflegeberuf ausüben, Frauen – das ist unter den Geschlechtern ziemlich unausgeglichen.

Das liegt etwa daran, dass die Care-Arbeit historisch von Frauen erledigt wurde, so die Kulturwissenschaftlerin. Unbezahlte Care-Arbeit im Haushalt ist zum Beispiel Kindererziehung, aufräumen und kochen.

"Es ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich so, dass Charaktereigenschaften wie Fürsorge eher Frauen zugeschrieben werden."
Beatrice Frasl

Attribute wie Fürsorglichkeit und Feingefühl würden immer noch traditionell Frauen zugeschrieben – und damit auch deren Berufswahl. In der Krankenpflege ginge es zum Beispiel überwiegend um medizinisches Fachwissen, erklärt Beatrice – "aber diesem Beruf wird das Kümmern zugeschrieben. Und dieser Beruf wird dann Frauen zugeschrieben."

Das drückt sich auch in der Bezahlung aus: Berufsfelder, die gerade besonders systemrelevant sind, wie etwa Krankenpflege oder Einzelhandel im Supermarkt, werden laut Beatrice größtenteils von Frauen ausgeübt – und befinden sich paradoxerweise überwiegend im Niedriglohnsektor. "Das sollte uns schon zu denken geben, ob das nicht eigentlich die Jobs sein sollten, die am besten bezahlt werden sollten", appelliert Beatrice. "Weil mit denen steht und fällt alles."

Care-Arbeit: Systemrelevant und trotzdem nicht genug wertgeschätzt

Wenn diese Berufe strukturell ausfallen würden, etwa wenn zum Beispiel Pflegepersonal streiken würde, wäre das demnach ein viel größeres Problem für die Gesellschaft, als wenn etwa Aktienhändler streiken würden, so die Kulturwissenschaftlerin.

Die derzeitige Corona-Krise würde diese gesellschaftlichen Probleme viel sichtbarer machen als sonst – weil wir eben umso mehr auf die systemrelevanten Berufe angewiesen sind, erklärt Beatrice: "Wir sind jetzt in einer Situation, die bestimmte Verhältnisse in unserer Gesellschaft sehr deutlich macht."

"Wenn die Krankenpfleger*innen streiken, dann haben wir ein sehr großes Problem."
Beatrice Frasl

Die gesellschaftliche Ungleichheit, ist laut Beatrice gerade besonders gut zu beobachten: Es gibt diejenigen, die ungestört Homeoffice in ihrer 70-Quadratmeter-Single-Wohnung machen, es gibt Eltern, die neben dem Homeoffice auch noch ihre Kinder beschäftigen müssen. Es gibt Menschen, die keine Möglichkeit haben, Homeoffice zu machen – weil ihre Jobs eben systemrelevant sind oder weil sie überhaupt kein Zuhause haben.

Corona-Krise als Chance für mehr Anerkennung von Care-Arbeit?

"Das bezieht sich auch auf die Pflege- und Fürsorge-Arbeit", sagt Beatrice. Bei unbezahlter Care-Arbeit heißt das etwa: Wenn die Kinderbetreuung an die Eltern abgegeben wird, weil Schulen und Kindergärten schließen müssen, sind größtenteils Mütter für die Fürsorge-Arbeit zuständig. Neben der normalen Arbeit kommt also noch mehr unbezahlte Arbeit zu Hause dazu.

"Wie können wir mit diesen Berufsgruppen wirklich solidarisch sein? Nicht nur, indem wir klatschen – weil davon kann sich niemand ein Mittagessen kaufen."
Beatrice Frasl

Trotzdem glaubt Beatrice, dass gerade die jetzige Situation eine neue Perspektive schaffen könnte: "Ich habe die große Hoffnung, dass Leute jetzt erkennen, wie unfassbar wichtig Pfleger*innen sind." Der Applaus für die Pflegekräfte sei zwar eine nette Form der Wertschätzung, man müsse laut Beatrice das System aber so verändern, dass sich diese Wertschätzung auch in den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung niederschlägt.