Ihr wollt keinen Schönheitsidealen hinterherrennen und setzt stattdessen auf euer eigenes Wohlfühlgewicht? Klingt gut, allerdings haben wir auch die Pflicht, unseren Körper in eine bestimmte Verfassung zu bringen, sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann.

Vergangene Woche war Anti-Diät-Tag und den hat das Missy Magazin zum Anlass genommen, einen Hashtag zu starten: #YesAllWampen. Im Grunde geht es um eines: Egal ob kleine Wampe oder größere Wampe - wir sollten unseren Körper so annehmen, wie er ist, und uns nicht irgendeinem Schönheitsideal unterwerfen. Das hat bei uns auf Facebook zu einigen Diskussionen geführt. Wichtige Frage: Wie finden wir denn dieses ominöse Wohlfühlgewicht?

Wohlfühlgewicht baut Druck auf

Konrad Paul Liessmann, Philosoph aus Wien, sagt, es wäre schon wünschenswert, wenn wir nicht mehr den Schönheitsidealen hinterherhecheln, die aus der Werbung und auch aus den Statusmeldungen und Selfies der Sozialen Netzwerke auf uns einprasseln. Aber schon der Begriff Wohlfühlgewicht an sich sei schon problematisch: Zwar kommen wir einerseits von unerfüllbaren Idealen weg, auf der anderen Seite bauen wir aber neuen Druck auf: Weil wir uns ständig fragen, ob wir uns in unserem Körper wohlfühlen oder nicht.

Also entweder stresst uns das Schönheitsideal von außen - schlank, attraktiv, durchtrainiert - oder wir stressen uns selbst, weil wir jetzt unser Wohlfühlgewicht finden müssen. Und dann ist eben auch die Frage: Sollte "sich wohlfühlen" tatsächlich das einzige Ziel für uns sein. So kann es ja sein, dass wir uns alle mit 150 Kilogramm Körpergewicht wohlfühlen. Wenn wir dann unsere Gesundheit gefährden, ist das aber auch problematisch, sagt Konrad Paul Liessmann.

"Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen: Jeder Mensch hat das Recht mit seiner Gesundheit zu machen, was er will. In der Philosophie gibt es die schöne Formulierung: Man hat auch Pflichten sich selbst gegenüber."

Wir hätten also schon eine Verantwortung, unseren Körper in eine bestimmte Verfassung zu bringen - auch wenn es mit dem Wohlfühlen dann mal nicht klappe. Das heißt natürlich nicht, jemanden zu verbieten, dick zu sein. Es geht eher darum, dass Wohlfühlen und damit das ominöse Wohlfühlgewicht allein nicht die letzte Instanz sein kann. Weil wir uns auch in Situationen wohlfühlen können, die uns langfristig schaden. Zum Beispiel beim Rauchen.

Auf unterschiedliche Art und Weise ist die Sache mit dem Wohlfühlgewicht also ähnlich kompliziert wie vorgeprägte Schönheitsideale. Das eine ist schwer zu greifen und zwingt uns zur permanenten Selbstbefragung, das andere gaukelt uns ein nur schwer erreichbares Ideal vor. Schön wäre es, wenn wir grundsätzlich nicht mehr so fixiert auf unsere Körper wären. Aber das wird wohl in unserer Selfie-Schrittzähler-Fitness-App-Zeit eher nicht passieren,

"Der Körper ist immer mehr als nur der Körper."

Konrad Paul Liessmann ist skeptisch, dass es uns gelingt, unser Schönheitsdeal wenigstens in eine etwas normalere Form zu wandeln - also zum Beispiel, zur Haltung, dass eine kleinere Wampe o.k. ist. Seine These: Der Traum vom attraktiven, durchtrainierten Körper wird sich in unserer Gesellschaft halten. Eine Tatsache, über die wir uns Gedanken machen sollten. Weil es eben nicht nur darum gehe, dass wir etwas schön finden, sondern dass ein solcher Körper auch für etwas steht: Wir nehmen an, dass derjenige, der diesem Ideal entspricht, kontrolliert ist, diszipliniert, sich an strenge Regeln halten kann. Kurz: Gesunde Ernährung ist zu einer Art Ersatzreligion geworden. Unser eigenes Urteil über andere Menschen und deren Körper sagt also am Ende auch viel darüber aus, wie wir selbst so drauf sind.