Überstunden, schlechtes Gewissen im Urlaub, tausend Dinge gleichzeitig erledigen wollen: Das können Anzeichen für ein arbeitssüchtiges Verhalten sein. Eine Studie zeigt jetzt: Etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind Workaholics – mit negativen Folgen für Psyche und Wohlbefinden. Doch es lässt sich mit einigen Mitteln entgegen steuern, sagt Arbeitspsychologin Tabea Scheel.

Die Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist laut eigenen Angaben die erste, die das Phänomen in größerem Rahmen in Deutschland untersucht hat. Demnach arbeiten etwa zehn Prozent der erwerbstätigen Deutschen zu viel. Ähnliche Ergebnisse kamen in der Vergangenheit etwa in der USA und in Norwegen heraus.

Arbeitssucht ist keine Randerscheinung

Das Phänomen ist damit keine Randerscheinung, sondern betrifft sehr viele Erwerbstätige. Grund dafür könnte die Veränderung der Arbeitswelt sein: Vieles ist flexibler geworden, sowohl bei der Arbeitszeit, als auch bezogen auf den Arbeitsort. Die Grenze von Arbeitszeit und Freizeit verwischt oftmals – das kann Arbeitssucht begünstigen, heißt es in der Studie.

"Gründe für die Zunahme sieht die Studie in der veränderten Arbeitswelt. Das heißt: Tätigkeiten werden komplexer, Arbeitsprozesse scheinen schneller und intensiver abzulaufen."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten

Die Studie weist außerdem darauf hin, dass bei dem Begriff "Workaholic" oft Bewunderung mitschwingt. Dabei kann arbeitssüchtiges Verhalten sehr negative Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit haben.

"Wer suchthaft arbeitet, der oder die kämpft wie bei einer anderen Sucht auch mit negativen Folgen für Psyche und Wohlbefinden."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten

Suchtmerkmale sind:

  • Exzessives Arbeiten. Das kann sich beispielsweise durch viele Überstunden äußern, aber auch durch besonders schnelles Arbeiten und das gleichzeitige Bearbeiten von verschiedenen Aufgaben
  • Zwanghaftes Arbeiten. Damit ist eine gewisse Getriebenheit der Betroffenen gemeint. Das bedeutet, sie arbeiten auch dann hart, wenn es keinen Spaß mehr macht und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich freinehmen. Viele können in ihrer Freizeit nicht mehr abschalten.
Tabea Scheel, Arbeitspsychologin (Gespräch vom 25.05.2022)
"Ich sollte mich fragen: Habe ich überhaupt noch etwas anderes in meinem Leben oder speist sich meine gesamte Identität aus meiner Arbeit? Ist das was ich hier tue noch sinnvoll?"

Nicht jede Person, die viel arbeitet, ist arbeitssüchtig. Wer sich aber schlecht fühlt und Zwang empfindet, könnte betroffen sein. Es gibt aber auch einige einfache Mittel, der Arbeitssucht entgegenzusteuern. Arbeitspsychologin Tabea Scheel empfiehlt, in einem ersten Schritt zu überlegen, wie viel Raum die Arbeit im eigenen Leben ausmacht – bleibt nicht viel für anderes übrig, könne das ein Alarmzeichen sein.

Deshalb ist Abgrenzung so wichtig. Betroffen sind nämlich vor allem diejenigen, die quasi auf der Arbeit wohnen, wie Landwirt*innen, oder deren Aufgaben nie wirklich abgeschlossen sind, wie etwa bei Selbstständigen.

Sich besser abgrenzen:

  • Wer sich als arbeitssüchtig einschätzt, dem rät die Expertin, sich gezielt auf Arbeitsentzug zu setzen und so zu üben, von der Arbeit wegzukommen
  • Dabei hilft, sich neben der Arbeit noch andere Dinge zu suchen, mit denen wir uns identifizieren können: Freundeskreis wiederbeleben, sich mit der Familie umgeben und sich das Wochenende so zu gestalten, dass es Spaß macht.
  • Hilfreich sind feste Routinen: Ein 18-Uhr-Spaziergang mit der besten Freundin, der regelmäßige Sportkurs zweimal die Woche oder eine andere Tätigkeit, die dafür sorgt, dass die Arbeit in dieser Zeit keine Rolle spielt.

Kaum Unterschiede in verschiedenen Gruppen

Die Studie zeigt außerdem, dass es bei der Häufigkeit von Arbeitssucht kaum auf soziodemografische Werte ankommt. Egal welcher Schulabschluss oder ob jemand Kinder hat oder nicht – die Werte bleiben relativ ähnlich.
Auch zwischen Männer und Frauen gibt es keine großen Unterschiede. Allerdings betrifft Arbeitssucht etwas häufiger Frauen, sagt Wiebke Lehnhoff von den Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten.

"Einen großen Zusammenhang gibt es offenbar zwischen Arbeitssucht und Arbeitszeit - also, wer in Führungsverantwortung ist oder selbstständig arbeitet, kann offenbar leichter arbeitssüchtig werden."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten

Ein deutlicherer Zusammenhang besteht zwischen Arbeitszeit und Arbeitssucht. Demnach sind Menschen in Vollbeschäftigung, Führungspositionen und Selbstständige eher betroffen. Außerdem trifft es Menschen in der Landwirtschaft häufiger als in anderen Berufsbereichen, berichtet unsere Reporterin.

Nicht berücksichtigt wurde bisher unbezahlte Arbeit, also etwa in ehrenamtlichen Jobs oder in der Care-Arbeit. Die Forschenden der Studie wollen das aber anregen.