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Vor zehn Jahren haben in Syrien die Proteste gegen Machthaber Baschar Al-Assad begonnen. Es war der Beginn des Bürgerkriegs, der bis heute mehr als eine halbe Millionen Todesopfer forderte. Mehr als 13 Millionen Syrerinnen und Syrer sind vertrieben worden. Nach wie vor sei die Situation für die Menschen in Syrien katastrophal und Frieden nicht in Sicht, so die Journalistin Kristin Helberg.

Vor zehn Jahren sind die Menschen in Syrien auf die Straße gegangen, um für Reformen im Land zu protestieren. Dass sich daraus ein Bürgerkrieg entwickeln würde, sei damals nicht absehbar gewesen, sagt die Journalistin Kristin Helberg, die einige Jahre in dem Land gelebt hat.

"Man dachte natürlich damals, das geht alles nur ein paar Monate und dann stürzt das Assad-Regime. Weil man ja in Ägypten und Tunesien gesehen hatte, wie schnell das ging. Das war natürlich Wunschdenken."
Kristin Helberg, Journalistin

Als die ersten Menschen den Mut aufbrachten, die Mauern der Angst und des Schweigens zu durchbrechen und für Würde, Freiheit und gegen Korruption demonstrierten, sei das sehr bewegend und inspirierend gewesen, so die Journalistin.

In dem Krieg kämpfe bis heute eine Machtelite gegen einen Teil der Bevölkerung, der Konflikt habe sich aber auch zu einem Stellvertreterkrieg entwickelt, sagt die Journalistin. Die internationale Gemeinschaft habe kein geeintes Vorgehen gefunden, sondern jeder habe sich für die eigenen Interessen eingemischt.

Die Syrische Bevölkerung leidet

Leidtragende des Konflikts sind die Menschen in Syrien. In den Regime-Gebieten stehe man etwa stundenlang an für Brot oder Benzin, Lebensmittel seien unbezahlbar geworden. Mittlerweile gebe es auch Unmut unter Assad-Anhängern, die bisher loyal waren und ihre Söhne geopfert hätten. Allerdings versuche das Assad-Regime jegliche Kritik mit Verhaftungen zu unterdrücken.

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In den Provinzen im Nordwesten des Landes leben rund eineinhalb Millionen Menschen entlang der Grenze in improvisierten Lagern. Sie versinken mit ihren Zelten im Matsch, sagt Kristin Helberg. Eltern wüssten nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen.

Im Nordosten des Landes ist etwa ein Drittel Syriens kurdisch verwaltet. Hier hätten die Menschen vor allem Angst vor weiteren Angriffen der Türkei und vor dem Wiedererstarken des sogenannten Islamischen Staates, so die Journalistin. Tausende Kämpfer säßen in den kurdischen Gefängnissen, zehntausende Angehörige des IS in Camps. Der IS sei in den Untergrund gegangen, aber nicht wirklich verschwunden. In manchen ländlichen Gebieten würden die Menschen schon wieder terrorisiert werden.

Zwar würde die Corona-Pandemie die Situation verschärfen, doch die Syrer kennen ganz anderen Probleme – Bombardierungen, Hunger, Chemiewaffeneinsätze mit Sarin und Chlorgas zum Beispiel. Mehr als 100.000 Menschen in syrischen Gefängnissen hätten Angst, zu Tode gefoltert zu werden, sagt Kristin Helberg.

Frieden in Syrien nicht in Sicht

Ob sich an der Lage in absehbarer Zeit etwas ändert? Wahrscheinlich nicht. Frieden sei im Zusammenhang mit Syrien, solange das Regime mit diesen Methoden herrsche, undenkbar. Zudem sei auch der Westen nicht bereit, den Wiederaufbau mit rund 100 Milliarden Euro zu finanzieren. Durch die Corona-Pandemie seien etwaige Hilfsgelder noch knapper.

"Frieden, dieses Wort verbietet sich eigentlich im Zusammenhang mit Syrien, zumindest, solange das Regime mit diesen Methoden weiter herrscht."
Kristin Helberg, Journalistin

Der einzige Hoffnungsschimmer seien die Exil-Syrer oder eine Diaspora zivilgesellschaftlicher Gruppen. Diese arbeiten zum Beispiel daran, Kriegsverbrechen vor europäische Gerichte zu bringen und bereiten sich auf eine Zeit nach der Diktatur vor. Doch seien das alles langfristige Ziele, so die Journalistin.

Internationale Gemeinschaft: Kein Druck auf Assad

Immer wieder gibt es Kritik daran, dass Länder wie die USA, wie Europa, speziell auch Deutschland, viel zu wenig Verantwortung übernommen haben. In der Tat seien die Amerikaner und Europäer aufgrund der Erfahrungen, die sie im Irak-Krieg gemacht hätten, sehr zögerlich gewesen, sagt Kristin Helberg. Man wollte sich auf keinen Fall in einen Konflikt hineinziehen lassen.

Auch für die Errichtung einer Schutzzone, um Menschen vor Bombenangriffe zu schützen, habe es keine Bereitschaft gegeben. Doch hätte die tatsächlich eine Wende am Verhandlungstisch bringen können, glaubt die Journalistin. Das syrische Regime habe zu keinem Zeitpunkt die Notwendigkeit gehabt, Macht abzugeben. Bei einer Schutzzone wäre das Regime wahrscheinlich gezwungen gewesen, Zugeständnisse zu machen.

"Das Regime hatte zu keinem Zeitpunkt die Notwendigkeit, Macht abzugeben. Hätte man also interveniert mit Schutzzonen, wäre das Regime wahrscheinlich gezwungen gewesen, Zugeständnisse zu machen."
Kristin Helberg, Journalistin

Aus europäischer Sicht hilfreich wäre es zumindest, sich stärker im Nordosten zu engagieren und die Kurden nicht mit dem IS-Problem alleine zu lassen, sagt die Journalistin. Die eigenen Staatsangehörigen unter den IS-Kämpfern und ihre Angehörigen müssten zurückgeholt werden, um sie hier vor Gericht zu stellen. Die Kurden müssten finanziell, politisch und diplomatisch unterstützt werden.

In Deutschland würden wir uns damit wegen unseres Verhältnisses zu Präsident Erdogan in der Türkei jedoch schwertun. Dabei würde mehr Mut für ein Engagement im Nordosten auch mehr Einfluss auf den Konflikt haben, sagt Kirsten Helberg.

Flucht vor dem Krieg

Hiba Obaid musste vor dem Krieg in Syrien flohen. Das war 2012. Bis dahin lebte sie mit ihren Eltern in Aleppo. Die Wohnung war bombardiert worden und sie mieteten sich woanders ein. Aber dann kam der 12. Januar 2012: An dem Tag wurde die Uni bombardiert und Hiba Obaid war dort.

Hiba Obaid, freie Journalistin
"Am 15. Januar 2012 wurde die Uni in Aleppo von Flugzeugen aus bombardiert. Ich dachte, das ist das Ende. Da war klar, wir müssen gehen."

Nicht nur wurde der Krieg schlimmer, auch wurden immer mehr Menschen verhaftet, so Hiba Obaid. Die Familie entschied, in den Libanon zu fliehen. Eigentlich nur für wenige Monate, doch eine Rückkehr war nicht möglich. Seit 2015 lebt die Familie in Deutschland. Hiba Obaid arbeitet als freie Journalistin.