Pro Jahr sterben in Deutschland 127.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das möchte eine Initiative des Deutschen Krebsforschungszentrums verhindern. Sie fordert vor allem, die Verantwortung nicht auf die Raucherinnen und Raucher abzuschieben.

Ein Bündnis aus 50 Hilfswerken und Gesundheitsorganisationen unter der Führung des Deutschen Krebsforschungszentrums fordert von der Politik mehr Unterstützung für Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Ganz konkret sei ihr Ziel, dass Deutschland bis 2040 rauchfrei wird. Den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren schon viel geändert habe, kann Laura Graen vom Deutschen Krebsforschungszentrum nicht bestätigen, hat sie uns erzählt. Sie hat die Maßnahmen mitentwickelt.

In Deutschland gebe es beispielsweise bisher nur drei Bundesländer, in denen es komplett verboten ist, in der Innengastronomie zu rauchen, um damit dem Passivrauchen vorzubeugen. Auch die letzten deutlichen Erhöhungen der Tabaksteuer seien 15 Jahre her, sagt Laura Graen. Werbeverbote gebe es ebenfalls nur sehr zögerlich bisher. In einem internationalen Ranking landet Deutschland mit seinen wenigen Maßnahmen auf dem letzten Platz.

"Wir haben in Deutschland in den letzten 15 Jahren kaum Maßnahmen umgesetzt, die dazu beitragen, dass mehr Menschen mit dem Rauchen aufhören."
Laura Graen, Deutsches Krebsforschungszentrum

In Deutschland raucht derzeit jeder vierte Erwachsene. Vor allem bei Menschen mit niedrigem Einkommen oder einem niedrigen beruflichen Status sind die Rauchquoten noch sehr hoch.

Verantwortung auf Rauchende abgeschoben

Viele Politikerinnen und Politiker seien der Meinung, dass es sich beim Rauchen um eine eigenverantwortliche Sache halte. Laura Graen ist da allerdings anderer Meinung: Viele Menschen würden schon sehr jung mit dem Rauchen anfangen die Tabakindustrie gaukele ihnen Freiheit und einen coolen Lifestyle vor.

"Die Tabakindustrie hat es geschafft, das Thema so zu verkaufen, als gehe es um Lifestyle-Produkte."
Laura Graen, Deutsches Krebsforschungszentrum

Dabei seien die jungen Menschen aber oft noch nicht in der Lage, diese Verantwortung für sich selbst einzuschätzen. "Wenn man abhängig ist, dann hat das überhaupt nichts mehr mit Freiheit und individuellen Entscheidungen zu tun", sagt Laura Graen. Die Verantwortung werde auf die Rauchenden abgeschoben, das sei Victim Blaming.

Zehn Maßnahmen zum rauchfreien Deutschland

In einem Strategiepapier für ein rauchfreies Deutschland haben die Initiativen zehn zentrale Maßnahmen entwickelt. Eine der effektivsten Maßnahmen ist laut Laura Graens Meinung die Tabaksteuererhöhung. Wenn Tabak teuer wäre, würden auch viele Jugendliche davon abgehalten werden, überhaupt erst mit dem Rauchen anzufangen. Auch Menschen mit einem geringen Einkommen, bei denen andere Maßnahmen nicht so gut funktionieren, würde man damit durchaus erreichen, sagt Laura Graen.

"Die Tabaksteuererhöhung ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um Menschen dazu zu bewegen, mit dem Rauchen aufzuhören."
Laura Graen, Deutsches Krebsforschungszentrum

Konkret müsse Folgendes passieren: Jährlich müsste die Tabaksteuer um zehn Prozent erhöht werden. Das führe dazu, dass die Nachfrage nach Tabak um fünf Prozent sinke. Noch besser würde es funktionieren, wenn diese Maßnahme gleichzeitig mit anderen kombiniert werde – gute Angebote zum Rauchstopp beispielsweise.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Es helfe außerdem, wenn die Zigaretten in Supermärkten oder an Kioskständen nicht so gut sichtbar wären. Denn in Deutschland könne man schon fast leichter an Zigaretten als an ein frisches Brot kommen, sagt Laura Graen. Menschen, die aufhören wollten, werden davon ständig getriggert.

"In Deutschland ist Tabak rund um die Uhr verfügbar und allgegenwärtig. Ich kann ja eher eine Schachtel Zigaretten kaufen als ein frisches Brot zu bekommen."
Laura Graen, Deutsches Krebsforschungszentrum

Die Initiative schlägt vor, Tabakprodukte in den Läden weniger sichtbar zu positionieren und ohne Möglichkeit, sich daran selbst zu bedienen. Nach und nach sollte dann auch der Verkauf an Automaten oder Tankstellen eingestellt werden, so dass am Ende nur noch eine begrenzte Zahl lizensierter Fachgeschäfte Tabak anbieten dürfen. In den Niederlanden wird beispielsweise 2024 der Verkauf in Supermärkten eingestellt.

Keine Unterstützung bei der Entwöhnung

Haben sich Menschen dazu entschieden, mit dem Rauchen aufhören zu wollen, liegt noch einiges an Arbeit vor ihnen, denn so einfach ist das Aufhören eben nicht. Doch auch im Hinblick auf Entwöhnungsprogramme liegt Deutschland deutlich hinter vielen anderen Ländern. Dort bekommen Rauchende beispielsweise bei jedem ärztlichen Kontakt ein Angebot, das sie dabei unterstützen soll, mit dem Rauchen aufzuhören. In Deutschland erhielten nur vier Prozent der Rauchenden ein solches Angebot, sagt Laura Graen.

"Rauchende sollten bei jedem ärztlichen Kontakt und möglichst auch bei anderen Gesundheitsberufen ein Angebot bekommen, mit dem Rauchen aufzuhören."
Laura Graen, Deutsches Krebsforschungszentrum

Die Initiative fordert hier, dass Deutschland dieses Angebot nach dem Vorbild anderer Länder ausbaut. Dafür bräuchten Ärzte und Ärztinnen beispielsweise auch Fortbildungsprogramme, am besten schon während des Studiums, um Rauchende gut beraten zu können.

Krankenkassen dürften zwar auf freiwilliger Basis Entwöhnungsprogramme unterstützen, Arzneimittel dürften sie allerdings nicht erstatten. Das ist sogar gesetzlich verboten, sagt Laura Gaern. Das müsse sich in Deutschland ebenfalls ändern, um den Menschen so viele Anknüpfungspunkte wie möglich für das Aufhören zu bieten.