Vor allem in Norddeutschland ist im Oktober ein faszinierendes Naturspektakel zu beobachten: Zigtausende Kraniche sammeln sich, um gemeinsam in ihre Winterquartiere zu fliegen. Inzwischen überwintern die Zugvögel aber auch gelegentlich in Deutschland, wenn das Wetter nicht zu kalt ist und sie genug Futter finden können.

Ab Oktober sammeln sich Kraniche an speziellen Rastplätzen. Die müssen ihnen zum einen attraktive Nahrungsflächen bieten, zum Beispiel noch nicht abgeerntete Felder, zum anderen auch genug Schlafplätze.

Kraniche reisen je nach "Familienstand" in unterschiedlichen Gruppen

Zunächst treffen an den Sammelplätzen die Junggesellen ein, dann die Paare ohne Bruterfolg und danach die erfolgreichen Brutpaare mit ihren Jungen. Später kommen zu den deutschen Kranichen noch die in Skandinavien und Osteuropa brütenden dazu, die in Deutschland zwischenrasten. Gemeinsam fliegen die Zugvögel dann in die Gebiete, in denen sie überwintern. Es kommt vor, dass sie auch in gemischten Gruppen reisen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig. Dann sind beispielsweise schwedische Kraniche mit deutschen gemeinsam unterwegs.

"Starke Frostperioden finden oft nicht mehr statt, oft gibt es keine geschlossene Schneedecke mehr. Dann können die Kraniche genügend Futter auf den Feldern finden."
Mario Ludwig, Biologe

Die Winterquartiere der Kraniche liegen zum Beispiel in Portugal, Spanien oder Südfrankreich. Es wurde allerdings auch beobachtet, dass die Zugvögel gar nicht Richtung Süden losfliegen, sondern in Deutschland überwintern. Das hänge mit der Klimaerwärmung zusammen, sagt Mario Ludwig. Die Winter in Deutschland sind bedingt durch die globale Erwärmung oft milder geworden. Starke Frostperioden finden oft nicht mehr statt, oft gibt es keine geschlossene Schneedecke mehr. Dann können die Kraniche auch hierzulande genügend Futter auf den Feldern finden.

Externer Inhalt

Hier geht es zu einem externen Inhalt eines Anbieters wie Twitter, Facebook, Instagram o.ä. Wenn Ihr diesen Inhalt ladet, werden personenbezogene Daten an diese Plattform und eventuell weitere Dritte übertragen. Mehr Informationen findet Ihr in unseren  Datenschutzbestimmungen.

Überwintern in Deutschland: Bis zu 20.000 Kraniche bleiben hier

Den Flug ins Winterquartier bezeichnet der Biologe Mario Ludwig als anstrengend und gefährlich. In verhältnismäßig warmen Wintern bleiben bis zu 20.000 Kraniche einfach in Deutschland. Die meisten von ihnen überwintern in der Diepholzer Moorniederung, zwischen Osnabrück und Bremen, und im Großraum Berlin-Brandenburg.

"Die Vögel wechseln ähnlich wie die Radrennfahrer bei der Tour de France in regelmäßigen Zeitabständen ihre Positionen, um sich dann im Windschatten der anderen Tiere der Formation ausruhen zu können."
Mario Ludwig, Biologe

Für eine bessere Aerodynamik fliegen die Kraniche in einer V-Formation. Hinter dem Vogel, der an der Spitze fliegt, verwirbelt sich die Luft, sagt Mario Ludwig. Weil die anderen Formationsflieger sozusagen auf der Bugwelle des Leitvogels surfen, können sie Energie einsparen, erklärt der Biologe.

V-Formation: Effizient auf der Bugwelle surfen

Bis zu 30 Prozent weniger Kraft müssen die Vögel aufbringen, wenn sie im Windschatten eines anderen Kranichs fliegen. In der Regel führen Leitvögel, die die meiste Kraft und Erfahrung haben, die Gruppe an. Weil die Anführer auch mal eine Pause brauchen, wechseln die Vögel – ähnlich, wie die Radrennfahrer bei der Tour de France – in regelmäßigen Zeitabständen ihre Positionen, sagt Mario Ludwig. So können sie sich zwischendurch im Windschatten der anderen Formationsflieger ausruhen. Pro Tag legen die Vögel eine Gesamtstrecke von rund einhundert Kilometern zurück.

Heiße Sommer schaden Kranichen

Kraniche bevorzugen Nist- und Schlafplätze in flachen Gewässern – das schützt sie vor Fressfeinden wie dem Fuchs. In den letzten beiden Jahren sind in den heißen Sommermonaten viele flache Tümpel und Weiher ausgetrocknet. Das hatte zur Folge, dass Fressfeinde die Gelege plündern konnten. Andere Kraniche haben wegen der ungünstigen Bedingungen gar nicht erst gebrütet. Dadurch gab es viel weniger Nachwuchs als in weniger heißen Sommern. Naturschützer befürchten nun, dass wenn es weiterhin trockene Sommer gibt, die Kraniche gezwungen sein könnten, in kühlere Gefilde abzuwandern.